Amiga | Eterna

AMIGA – ETERNA oder Wessen Platte ist die Platte

Ja, es gab sie und viele kannten sie: AMIGA und ETERNA. Sie waren die bekannten Plattenlabels der DDR, jedenfalls bis zum Untergang dieses Staates. Dann verschwanden die Logos und auch die Platten. Dabei begann die Geschichte der Schallplattenproduktion im östlichen Teil Deutschlands zunächst gar nicht mit dem neu gegründeten Staat, sondern einige Jahre zuvor, gleich nach Beendigung des verheerenden Zweiten Weltkriegs – und so unglaublich es klingen mag – mit Ernst Busch.

Unter dem Motto „Wessen Platte ist die Platte“ wird im Folgenden die Entstehung der Schallplattenproduktion in der Nachkriegszeit, vor allem in der östlichen Besatzungszone und späteren DDR, nachgezeichnet. Dabei erweist sich Ernst Busch nicht als alleiniger, aber doch gewichtiger Akteur.

Die Geschichte der Platten aus Schellack und später Vinyl beginnt in der Nachkriegszeit mit einem Tanz auf dem Vulkan, denn die Konstellation der Besatzungsmächte im besiegten und zerstörten Deutschland prägt Rille um Rille in die kleinen schwarzen Scheiben.

Wessen Platte ist die Platte - Teil 1

Der Tanz auf der Schwarzen Scheibe

 

Ja, es gab sie und viele kannten sie: Amiga und Eterna. Sie waren die bekannten Plattenlabels der DDR, jedenfalls bis zu deren Untergang, dann verschwanden die Logos und auch die Platten. Dabei begann die Geschichte der Schallplattenproduktion im östlichen Teil Deutschlands zunächst gar nicht mit dem neu gegründeten Staat, sondern – und das ist eine unglaublich wahre Geschichte – mit Ernst Busch.

„Meine heroische Zeit begann am 27. April 1945-…“[1]. Mit dieser Notiz markiert Ernst Busch das für ihn entscheidende Datum seiner Befreiung aus dem Zuchthaus Brandenburg durch die Rote Armee. Busch ist lädiert, aber lebendig aus dem Krieg gekommen. Er arbeitet und kämpft sofort weiter, ungebrochen und mit seiner ganzen Kraft.

Bereits wenige Tage nach Kriegsende wird Busch Kulturdezernent beim Bezirksamt Wilmersdorf. Am 9. Juli 1945 hört man ihn – gemeinsam mit Eva Busch – zum ersten Mal im Rundfunk, Monate später, am 6. November 1945, steht Busch als Schauspieler auf der Bühne, in der Hauptrolle des Charleston in Robert Audreys „Leuchtfeuer“ im Berliner Hebbel-Theater. Ernst Busch ist als Sänger und Schauspieler in die Öffentlichkeit zurückgekehrt. Er unterhält die besten Beziehungen zur sowjetischen Kulturadministration und wird von amerikanischen Kulturoffizieren mit Hochachtung zur Kenntnis genommen.

Etikett einer Radiophon- Musterplatte, 1946 Abdruck mit freundlicher Genehmigung von albis international. www.albis-international.de
Etikett einer Radiophon- Musterplatte, 1946
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von albis international. www.albis-international.de

Im Sommer 1946 tritt der sowjetische Stadtkommandant Alexander Kotikow mit dem Vorschlag an Ernst Busch heran, zum 10jährigen Gedenken an den Ausbruch des Spanienkrieges, am 19. Juli 1946 im Berliner Friedrichstadtpalast den Spanienkämpfern ein Geschenk – Ernst Busch mit Spanienliedern auf Schellack – zu überreichen. Eigentlich klingt das nach einer typisch Buschschen Idee. Aus historischer Sicht aber ist es unerheblich, von wem der Vorschlag kam, denn die Veranstaltung im Berliner Friedrichstadtpalast ist Anlass für eine der unzähligen Busch-Geschichten, die zwar kurz erzählt, aber mit weitreichenden Folgen verbunden sind.

Busch jedenfalls kommt der Kotikow-Vorschlag sehr entgegen, hat er doch seit einem Jahr einen fertigen Plan für ein „Liederbuch der Internationalen Brigaden“ in der Schublade.[2] Auch hatte er die Lieder bereits im Juli 1945 im Rahmen eines öffentlichen Rundfunkkonzerts anlässlich des Jahrestages des Beginns des Spanischen Bürgerkrieges gesungen. .[3]

Und nun die Möglichkeit einer Schallplattenproduktion eröffnet zu bekommen, entspricht genau Buschs Intention. Mit Schallplattenaufnahmen hatte er Erfahrungen: Anfang der dreißiger Jahre bei Odeon, Parlaphon und Lindström AG, dann während des Spanienkrieges 1937, als er unter schwierigsten Bedingungen die Aufnahmen besorgte und ein Plattenalbum unter dem Label Brigadas Internacionales herausbrachte und 1938/39 in Paris mit den Platten bei Polydor.[4]

Busch lässt sich Kotikows Vorschlag nicht zweimal sagen, will die in Spanien gesungenen Lieder sofort neu einspielen und beginnt unverzüglich mit den Vorbereitungen. Zunächst wird am 9. Juli 1946 in der Berliner Magistratsdruckerei das „Beiheft zu den Schallplatten der XI. Internationalen Brigaden“ gedruckt. Es enthält 10 Texte zu den Liedern, die er für die Interbrigaden gesungen hatte: Riego-Hymne, Mamita Mia, Lied der Internationalen Brigaden, Bataillon Edgar André, Thälmann-Kolonne, Jaramafront, Ballade der XI. Brigade, Abschied (Wenn das Eisen mich mäht), Solidaritätslied, Lied von der Einheitsfront.

Das Titelblatt des Büchleins ähnelt dem Etikett der 1938 in Paris unter dem Label „Lied der Zeit“ entstandenen Platten. Busch nimmt das gleiche Signet. Auch die Idee, eine Dokumentation „Lied der Zeit“ als einer Chronik des revolutionären Liedes zu schaffen ist nicht neu. Die Überlegungen dazu beschäftigen Busch schon seit seiner Deutschland-Tournee gleichen Namens mit Hanns Eisler im Jahre 1932.

Das Liederbuch ist schnell fertig und drei Tage darauf, am 12. Juli 1946, beginnt Ernst Busch im Haus des Rundfunks in der Berliner Masurenallee mit den ersten Aufnahmen: Solidaritätslied, Thälmannkolonne, Ballade der XI. Brigade singt er ein. Der Beginn gestaltet sich schwierig: „Die erste Aufnahme war am 12. Juli, hat nachmittags 3 bis abends 10 Uhr gedauert. Die Versuche waren absolut negativ. Keiner der anwesenden Techniker und Produktionsleiter wusste, worum es eigentlich ging. … Und so habe ich mit Geduld schon 5mal das Solidaritätslied gesungen“[5], notiert Busch.

Am 19. Juli 1946, zur Ehrung der Spanienkämpfer tritt Busch unter dem begeisterten Beifall der Spanienkämpfer im Berliner Friedrichstadtpalast auf, kann auch das Liederheft überreichen, nicht jedoch das Schallplattengeschenk. 500 Platten sollten gepresst werden und keine einzige liegt an diesem Tag vor.

Und das liegt keineswegs daran, dass Busch nicht ehrgeizig genug das Projekt angegangen wäre oder er vielleicht von Freunden nicht genug Unterstützung erfahren hätte oder die Aufnahmen nicht zustande gekommen wären. Nein, die Ursachen liegen auf ganz anderer, sozusagen höherer Ebene und gehen auch zurück auf die Folgen des gerade zu Ende gegangenen Weltkrieges.

Was kümmert die Welt nach einem verheerenden Weltenbrand eine kleine schwarze Scheibe. Aber Berlin wird in den ersten Nachkriegsjahren mit vier Besatzungszonen und -mächten zur Drehscheibe alliierter Deutschlandpolitik.

Auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration vom 10. Mai 1945 waren in Berlin die Rundfunksender wieder in Betrieb zu nehmen. Die ersten Worte aus dem Sendeturm in Tegel konnten die Berliner am 13. Mai 1945 vernehmen: „Achtung, Achtung! Hier spricht Berlin!“. Ja, Berlin hatte seine Sprache wiedergefunden. Aber Unmengen von Schwierigkeiten musste der Rundfunk bewältigen werden. Es mangelte an Material, intakten technischen Voraussetzungen und manchmal auch an Kohle und Strom. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, dem Rundfunk Schallplatten mit während der Nazizeit verbotenen Literatur- oder Musikaufnahmen, leihweise zur Verfügung zu stellen. Zeitgleich wurde versucht, Neuaufnahmen für die Programme zu entwickeln.[6]

Ein schwieriges Unterfangen Nun, es gab eine Schallplattenproduktionsanlage in der Sowjetischen Besatzungszone, die Tempo Schallplattenfabrik in Babelsberg, sie war aber zu stark zerstört und zudem in Privatbesitz. Bliebe da noch die Produktionsstätte der Deutsche Grammophon GmbH in der Ringbahnstraße, im amerikanisch besetzten Berlin Tempelhof. Ehemalige Mitarbeiter der Fabrik hatten die Grammophon gleich nach dem Ende des Krieges buchstäblich aus den Trümmern gegraben und sie in mühseliger Arbeit wieder produktionsfähig gemacht. So hatte Deutsche Grammophon auf amerikanischer Seite bald eine für die Plattenproduktion unabdingbare funktionstüchtige Galvanoplastik und eine kleine Presserei. Nur die Aufnahmetechnik, die gab es nicht mehr. Diese aber stand unversehrt unter dem Dach des Berliner Rundfunks in der Masurenallee, der zwar im britischen Sektor, aber nach Vereinbarung der Alliierten unter sowjetischer Zuständigkeit stand.

Eine Lösung schien politisch kompliziert, wurde aber von den Beteiligten ganz pragmatisch herbeigeführt. Berliner Rundfunk und Deutsche Grammophon „trauten“ sich, schlossen Aufnahme- und Produktionskapazität zusammen und nannten das gemeinsame Kind Radiophon GmbH. Gesagt, getan. Der Funk machte unter sowjetischen Dächern die Aufnahmen, schickte die Wachs-Matrizen zur Pressung unter die amerikanischen Dächer. Doch die Plattenteller gerieten ins Trudeln, denn die Gesellschafter von Radiophon hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Amerikaner verweigern der Grammophon die Produktionslizenz. Der Chief des Intelligence Branch der amerikanischen Militärregierung begründet die Ablehnung politisch und durchaus nachvollziehbar: Die Deutsche Grammophon mit Hauptsitz in Hannover sei seit 1943 wirtschaftlicher Teil von Siemens & Halske und somit “one of the foremost armament factories of Germany“ gewesen.[7] Eine Lizenz sei ausgeschlossen.

Diese Konsequenz hat Folgen, denn Radiophon GmbH darf ohne Lizenz keine Platten in großer Stückzahl herstellen, auch nicht mit oder für Ernst Busch.

Für Busch ist die Enttäuschung groß. Und der Schuldige steht für ihn fest: Friedrich Karl Kaul. Ernst Busch schreibt in einer Jahre später verfassten Notiz: „500 Mappen für Kotikow Geschenk-Absicht an die Inter-Brigaden 18. Juli 1946. Die Platten konnten nicht gepreßt werden, weil der Rechtsberater des Rundfunks Dr. K. Kaul seinem Intendanten …vergessen hatte, mitzuteilen, daß Radiophon … laut Vertrag nur 25 Exemplare Titel verpflichtet war, zu liefern“[8].

ADN-ZB, 31.8.1956, Bildmaterial zur Pressekonferenz des Ausschusses f¸r Deutsche Einheit am 31.8.1956 Am 31.8.1956 f¸hrte der Ausschuss f¸r deutsche Einheit im Steinsaal des Hauses des Nationalrates eine internationale Pressekonferenz durch, auf welcher die Pressevertreter der KPD, Dr. Kaul, und Prof. Dr. Kr¸ger ¸ber die rechtswidrige Anklage und die rechtswidrige Prozessf¸hrung durch den Bundesgerichtshof in Karlsruhe berichteten. (siehe ADN-Meldungen Nr. 313, 314, vom 31.8.1956) UBz: Dr. Kaul, Rechtsanwalt und Pressevertreter der KPD, berichtet.
ADN-ZB, 31.8.1956, Bildmaterial zur Pressekonferenz des Ausschusses für Deutsche Einheit am 31.8.1956
Am 31.8.1956 führte der Ausschuss für deutsche Einheit im Steinsaal des Hauses des Nationalrates eine internationale Pressekonferenz durch, auf welcher die Pressevertreter der KPD, Dr. Kaul, und Prof. Dr. Krüger über die rechtswidrige Anklage und die rechtswidrige Prozessführung durch den Bundesgerichtshof in Karlsruhe berichteten.
(siehe ADN-Meldungen Nr. 313, 314, vom 31.8.1956)
UBz: Dr. Kaul, Rechtsanwalt und Pressevertreter der KPD, berichtet.

In einem irrte Busch: Kaul war mitnichten der Übeltäter, sofern angesichts der schwierigen politischen und materiellen Nachkriegssituation überhaupt von einem solchen zu sprechen ist. Bei Gründung der Radiophon GmbH 1945 war gar nicht vorgesehen, größere Plattenmengen herzustellen, sollte doch zunächst der Berliner Rundfunk für Sendezwecke bedient werden. Für Platten zu Handelszwecken wollte man später eine Lösung finden. Nun aber kam Busch und damit geriet das Radiophonkonzept ins Wanken. Und nicht nur Radiophon. Busch, der Arbeiter für die Sache platzte mit unbändiger Arbeitsbesessenheit mitten in die materiellen und auch ideologischen Schwierigkeiten der Neuorganisation des Rundfunks hinein.[9] Der Konflikt zwischen beiden Akteuren, der Jahre anhalten sollte, war vorprogrammiert.

Zur Aufklärung der Sache ist es hilfreich, die Dokumente auch nach Kaul zu befragen. „Am 15. Juli 1946 wurde ich zum Leiter der Rechtsabteilung des Berliner Rundfunks berufen“ und „daneben bin ich noch Geschäftsführer der Holding-Gesellschaft für Schallplattenherstellung“, berichtet Kaul.[10]

Der Jurist Friedrich Karl Kaul (1906–1981) war 1945 nach einer wahren Odyssee, die ihn von Kolumbien über Panama, Nikaragua und Mexiko in die USA geführt hatte, aus der Emigration nach Deutschland zurückgekehrt und wurde im Juli 1946 zum Justitiar beim Berliner Rundfunk berufen. Kaul versteht sich ganz selbstverständlich, ebenso wie Busch, als Helfer beim Aufbau einer neuen demokratischen Gesellschaft und an der Seite der sowjetischen Befreier.

Als Vertreter des Rundfunks war Kaul gleichzeitig zum 2. Geschäftsführer der Radiophon GmbH, die Kaul in dem zitierten Brief als Holding-Gesellschaft bezeichnet, bestellt, agierte neben dem von der Deutschen Grammophon entsandten Vertreter. Kaul war als Geschäftsführer von der amerikanischen Lizenzverweigerung für die einzig intakte Schallplattenfabrik im zerstörten Berlin ebenso betroffen wie von dem sowjetischen Auftrag an Busch, die Spanienplatten zu produzieren. Die alliierten Gegebenheiten aber führten den Berliner Rundfunk und seinen Justitiar in das Dilemma, zeitweilig zwischen allen Stühlen, den sowjetischen, den amerikanischen, mit seinem Sendeturm in Tegel dem französischen und ob der geografischen Lage der Masurenallee auch dem britischen Thron zu sitzen.

Zum Glück ist Kaul gewieft, hat gute Kontakte zu den amerikanischen Kulturoffizieren, verhandelt und taktiert und erwirkt alsbald mit einigem Geschick auf amerikanischer Seite eine Sondergenehmigung für die Herstellung der Busch-Platten. Der Chef der Theater- und Musiksektion der Information Control Branch, Major John Bitter, der junge aufgeschlossene Dirigent aus New York, der ab und an die Berliner Philharmoniker dirigierte und sowohl der europäischen als auch der sowjetischen Musik sehr aufgeschlossen gegenüber trat, zeichnete dafür verantwortlich. Die Sache hatte jedoch einen Haken – eine Sondergenehmigung ist zwar eine Maßnahme, aber sie bleibt die Ausnahme. Und die besagte, dass die Herstellung von Busch-Platten in einer begrenzten Stückzahl von höchstens 25-30 Platten pro Aufnahme gestattet sei, nicht mehr und nicht weniger.

Busch will von all dem nichts wissen, ist enttäuscht, vermutet Sabotage, beruft sich auf seinen sowjetischen Auftrag und schlägt Krach. Kaul hätte „weder eine Ahnung von den technischen Fähigkeiten seiner Rundfunkleute in der Herstellung von Schallplatten, noch hatte er eine Ahnung, wer Herr Busch ist“[11], wird es später nach Zuspitzung des Konflikts heißen. Und der entwickelt sich.[12]

Abdruck aus Ludwig Hoffmann/Karl Siebig Ernst Busch. Eine Biographie
Abdruck aus Ludwig Hoffmann/Karl Siebig Ernst Busch. Eine Biographie

Zurück zum Sommer 1946: Die Kotikow-Platten sind nicht fertig und im Funk wackeln die Wände. Die Wände zwischen den Militärregierungen sind zum Glück noch durchlässig und die Wege zueinander begehbar. Noch geht es beiden Seiten um die Überwindung der faschistischen Strukturen in Institutionen und Köpfen.

Und doch erweist sich manche Konsequenz als zuweilen kontraproduktiv. Dialektisch gesehen entwickelt sich aus der Negation der Negation eine ganz neue Möglichkeit. So geschah es: Die sowjetische Seite schickt angesichts des Schallplattendilemmas eine eigene Idee ins Rennen und die heißt Ernst Busch und „Lied der Zeit“. Der Anfang der neuen Plattenzunft ist geboren, denn Ernst Busch erhält im August 1946 eine sowjetische Lizenz für das Recht, Aufnahmen von Agitations-Massenliedern auf Grammophonplatten herzustellen.[13] Busch zögert nicht, seine Firma „Lied der Zeit“ sofort auf die Beine zu stellen und beim Rundfunk die Aufnahmesäle und die besten Musiker, Chöre und Orchester für sich zu beanspruchen.

Das Problem der Plattenherstellung war allerdings noch immer nicht gelöst. Es hatte sich lediglich seitenverkehrt: hier eine sowjetische Lizenz ohne Fabrik – dort eine amerikanische Fabrik ohne Lizenz. Verkehrte – oder wessen Welt ist die Welt?

Carola Schramm 


[1] Notiz Ernst Busch, AdK Ernst Busch-Archiv I a 67

[2] Verlagsplanung vom 25.7.1945, AdK Ernst Busch-Archiv. Gedacht war an eine Auflage von 50.000 Stück.

[3] DRA STIFTUNG DRA (Hrsg.): Ernst Busch und der Rundfunk. Zusammengestellt und kommentiert von Ingrid Pietrzynski. Wiesbaden / Potsdam-Babelsberg 2005, S. 22, s.a. 18.7.1945 im http://www.dra.de/online/hinweisdienste/kalendarien/Kalendarium1945.pdf

[4] vgl. Meyer-Rähnitz, Bernd/Leenders, Ben. Der phonographische Ernst Busch. Dresden-Ústí nad Labem, 2005. Ders., Der phonographische Ernst Busch. Zum Schallplattenschaffen von Ernst Busch. In: Freundeskreis Ernst Busch (Hrg.), Ernst Busch. Schauspieler und Sänger. Protokoll eines Kolloquiums. Berlin 2000, S. 38ff.

[5] Briefentwurf Busch Anfang 1947, AdK Ernst Busch-Archiv

[6] Vgl. Deutsches Rundfunkarchiv (Hrg.), „Hier spricht Berlin…“ Der Neubeginn des Rundfunks in Berlin 1945, Potsdam 1995

[7] Landesarchiv Berlin, Rep. 036 RG 260/OMGUS 4/12-2/26

[8] AdK Ernst Busch Archiv, ohne Signatur

[9] Vgl. hierzu auch STIFTUNG DRA (Hrsg.): Ernst Busch und der Rundfunk (CD). Zusammengestellt und kommentiert von Ingrid Pietrzynski. Wiesbaden / Potsdam-Babelsberg 2005.

[10] Brief Kaul an F.G. Saul vom 24.10.1946, SAPMO Bundesarchiv Sign. NY/4238/3

[11] Entwurf eines Schreibens von „Lied der Zeit“, Geschäftsführer Hans Wolf an die S.M.A., 3.12.1947. In Bestand Kaderakte Ernst Busch, SAPMO Bundesarchiv Dy 30/IV 2/11/v. 2626

[12] vgl. Akten im DRA zu Radiophon und Kaul

[13] Lizenz der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Propaganda-Leitung, Berlin-Karlshorst vom 12.08.1946.

Wessen Platte ist die Platte - Teil 2

Wasserstoff, Karbid und Sauerampfer

 

Karbid oder wem nutzt das

Karbid ist zunächst nur eine chemische Verbindung, für sich allein nichtssagend und still. Es braucht schon eine illustre Runde weiterer Zutaten, um sich entfalten zu können, Wasserstoff beispielsweise. Beides zusammen ergibt Acetylen und unter Hinzufügung von Sauerstoff ein prächtiges und hochexplosives Gemisch. Schweißen kann man damit, ganze Städte aufbauen oder auch zerstören. 1946 ist Berlin zerstört und Karbid ist Mangelware, Objekt der Begierde, Zahlungs- oder Schmiermittel für diese oder jene Gegenleistung und dennoch ein Garant für den Aufbau. Unvergesslich der legendäre Erwin Geschonneck in der Rolle des Karbid-Kalle in dem DEFA-Film Karbid und Sauerampfer aus dem Jahre 1963. Da ist einer, der loszieht, um auf abenteuerliche Weise den Zündstoff für die Ingangsetzung der zerstörten Fabrik zu besorgen, zwischen die Fronten gerät, der Gesetzlosigkeit beschuldigt wird und doch ehrlichen Herzens das kostbare Gut erringt, für das Gemeinwesen, nicht aus privater Gier.

Friedrich Karl Kaul, der hatte so etwas von einem Karbid-Kalle, ebenso Ernst Busch. Dennoch steht die erste persönliche Begegnung zwischen Kaul und Busch unter keinem guten Stern. Sie findet im September 1946 statt, da waren schon mancherlei Bemühungen Kauls zur Verwirklichung der Busch-Platten-Produktion über die Bürotische von Deutsche Grammophon und Radiophon gegangen, ohne dass sich Justitiar und Lizenzionär persönlich begegnet wären. Kaul notiert über die erste Begegnung: Ich ließ „mich im Senderaum 3 Herrn Busch vorstellen, den ich wie ein rohes Ei behandelte, da er noch über einen Zusammenstoß mit unserer Hauspolizei vom Freitag verärgert war“. Über den Anlass dieses Zusammenstoßes, den Kaul nicht zu verantworten hatte, lässt sich nur mutmaßen. Eigentlich hatte Busch keinen Grund, sich über Kaul zu beschweren. Kaul agierte zwischen den Zonen nicht ohne Erfolg für Busch. Bereits Anfang August übergibt Kaul der Grammophon die ersten im Rundfunk gefertigten Neuaufnahmen zur Plattenpressung, darunter Solidaritätslied, Einheitsfrontlied, Mamita Mia und Thälmannkolonne. Der Start der neuen Schallplattenproduktion in Berlin beginnt also mit Busch!

Grammophon verspricht Kaul sogar, weitere Probeplatten mit Busch-Aufnahmen „mit allergrößter Beschleunigung“ fertig zu stellen und diese nebst Originalen, Muttern und Matrizen dem Berliner Rundfunk zu übergeben. Leider sind die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen, Denn weder eine amerikanische Lizenz noch Sympathie für Busch liegen dieser Idee zugrunde. Es ist der Versuch der Deutsche Grammophon mit rascher Produktion der Probeplatten und zügiger Übergabe des ganzen „Klumpatsch“ an den Berliner Rundfunk die lästigen Busch-Aufnahmen loszuwerden. Schließlich könnten die Platten doch unter „Lied der Zeit“ aufgrund sowjetischer Lizenz gepresst werden. Aber diese Idee, welche dem einen recht und dem anderen billig schien, erweist sich im September 1946 als undurchführbar; die materielle Basis in der sowjetischen Besatzungszone ist noch nicht gegeben.

Wohl aber gibt es zu jenem Zeitpunkt neue politische Konstellationen, da die Beratungen der amerikanischen und britischen Militärregierungen über den wirtschaftlichen und politischen Zusammenschluss begonnen haben und sich daraus die dringende Notwendigkeit einer eigenen sowjetischen Schallplattenlösung ergibt. Kaul versucht zunächst die Kehrseite der amerikanischen Lizenzverweigerung zu nutzen und Deutsche Grammophon mit der bestehenden sowjetischen Lizenz auf die andere Seite locken. Aber Kauls Taktik geht nicht auf, der Kalte Krieg ist aus seinen Startlöchern herausgekommen und verhindert manch sinnvolle Lösung. Nun kommt Karbid ins Spiel, der Zündstoff zum Nutzen der Allgemeinheit.


Wasserstoff, Karbid und Sauerstoff

Gesagt, getan. Im September ‘46 liefert die sowjetische Kommandantur das für die Herstellung der Buschplatten notwendige Material. Nun können die Platten im Gegensatz zur früheren Überlegung doch unter Radiophon herausgebracht werden. Die Amerikaner sind’s zufrieden und Kaul bekommt es endlich schriftlich: die Grammophon darf die Platten für den Rundfunk produzieren, zunächst 25, dann sogar 50 Exemplare von jeder Aufnahme. Die Sache scheint sich einzupendeln. Buschplatten gegen Karbid. Grammophon bestellt bei Kaul 3 Flaschen Sauerstoff und 60kg Karbid für Schweißarbeiten in der Tempelhofer Ringbahnstraße, Kaul übergibt den Wunsch der SMAD und die Lieferung erfolgt prompt. Wenig später wird Kaul auf der anderen Seite der alliierten Linie vorstellig, bei Major Bitter, dem zuständigen Kulturoffizier der amerikanischen Militärregierung. Es kommt Bewegung in die Sache. Der Major gestattet unter Umgehung der fehlenden Lizenz die Herstellung von 150 Schallplatten für den Hausbedarf des Berliner Rundfunk. Der Stoff hat gezündet. Kaul lässt nichts anbrennen und beauftragt Grammophon umgehend mit der Fertigung von 5 Busch-Platten á 30 Stück unter dem Label Radiophon.

Jedoch sind von politischen Interessenlagen geprägte Entscheidungen im Tauziehen schnell zerstoben. Als dem Major die fertigen Probeplatten persönlich übergeben und bei dieser Gelegenheit auch die heiklen Fragen der ungeklärten Lizenz angesprochen werden, zieht dieser seine Genehmigung zurück. Die höhere amerikanische Politik will die Busch-Platten, da politischen Inhalts, nun doch nicht pressen. Die sowjetische Kommandantur lässt das nicht auf sich beruhen und pariert mit 150 Litern Wasserstoff. Tatsächlich folgen versöhnliche amerikanische Töne und den regulären Lieferungen folgen reguläre Geschäftsbeziehungen. Selbst die spektakuläre Übergabe der Busch-Platten und ihr negativer Ausgang vor wenigen Tagen erfährt nun plötzlich eine komplett andere Bewertung: Ein glücklicher Umstand wäre das Treffen gewesen und die Rücknahme wird zurückgenommen. Warum das Hin und Her?


„Wahrt Abstand, …“

ihr befindet Euch in Feindesland“, lautet die Anweisung in dem 1944 erschienenen Handbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland und dieser Weisung war die anfängliche Kulturpolitik unterworfen. Zum Zwecke der Umerziehung und Entnazifizierung wurde zunächst die Kollektivschuld der Deutschen und deren Unfähigkeit zum eigenständigen Aufbau demokratischer Strukturen propagiert. Anders als die Politik der sowjetischen Besatzungsmacht, die recht bald Eigenverantwortung an Persönlichkeiten und Institutionen abgab, wollten die Amerikaner diesen Schritt nicht gehen. Deren Konzept lief auf eine langfristige amerikanische Überwachung hinaus. Allerdings erwies sich diese Strategie bald als Hemmnis für wirksame Einflussnahme und Akzeptanz der Siegermacht. Um die deutsche Bevölkerung jetzt auch für sich zu gewinnen, änderte das State Department Ende 1945 seine politische Richtung und trug der Militäradministration in Deutschland die Suche nach geeigneten Personen zur Vergabe von Lizenzen und Verantwortlichkeiten auf. Eine politische Tätigkeit aber sollte ausgeschlossen sein.

John Bitter
John Bitter 1945 * Foto: Werner Borchmann * Quelle: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Dass die Busch-Platten politischen Inhalts waren, konnte der zuständige Offizier John Bitter kaum überhört haben. Auffällig ist aber, dass Bitter die Platten nicht grundsätzlich verbietet, sondern dem Vermittler Kaul wiederholt eine praktikable Lösung anbietet, freilich ohne das Hauptproblem der fehlenden Grammophon-Lizenz zu beseitigen. John Bitter war seit August 1945 innerhalb der Information Control Branch für Musik, Theater und Film im amerikanischen Sektor von Berlin zuständig. Vor dem Krieg war er Dirigent des Miami Symphony Orchestra gewesen; 1942 trat er als Panzerfahrer in die US-Army ein und 1945 kam er als Intelligence Officer nach Deutschland. Bei Kriegsende war Bitter 36 Jahre alt und gehörte zu einem Team kulturell gebildeter und gut deutsch sprechender Offiziere, die mit dem Wiederaufbau des Kulturlebens betraut wurden. Bitter war aufgeschlossen gegenüber der Moderne, der europäischen und sowjetischen Musikkultur und achtete die deutsche humanistische Musiktradition. Zudem war er von der kathartischen Wirkung der Musik, aus der sich etwas Menschliches entwickeln könne, überzeugt. Er sorgte dafür, dass die unter dem Nationalsozialismus verbotenen Komponisten wie Paul Hindemith, Boris Blacher, Felix Mendelssohn Bartholdy aufgeführt wurden. Zuweilen dirigierte er die Berliner Philharmoniker im Berliner Titania-Palast und galt in seiner Art – ein Dirigent ohne Taktstock – als Symbol der Demokratie.

Konzert-Ankündigung Titania-Palast
1947: Konzert im Titaniapalast ~ John Bitter dirigiert die Berliner Philharmoniker ~ Quelle: Stiftung Stadtmuseum Berlin

John Bitters zögerlicher Umgang mit der Deutsche Grammophon erklärt sich nun wiederum aus dem widersprüchlichen Vorgehen der Kultur Branch im Jahre 1946. Nicht alle Offiziere wollten der plötzlichen Kehrtwende Washingtons folgen. Der für Medien zuständige General McClure, Bitters Vorgesetzter, hielt die Übertragung von Verantwortung an Deutsche für verfrüht, insbesondere, wenn diese im nationalsozialistischen Staat Funktionen ausgeübt hatten. Bitter konnte also gar nicht anders als lavieren und vage Versprechen abgeben. Immerhin war der Lizenz-Antragsteller für die Deutsche Grammophon, Ernst Roediger, vor 1945 Prokurist bei derselben gewesen und diese außerdem noch Teil des militärisch bedeutsamen Unternehmens Siemens & Halske. So war der politische Kurs der Kultur Branch durchaus widersprüchlich und nicht selten ein Zick-Zack-Kurs. Der Ausbruch des Kalten Krieges tat ein Übriges und die deutschen Spielkarten und Plattenteller werden Anfang 1947 wieder neu gemischt.

Ob John Bitter und Ernst Busch sich je persönlich begegnet sind, ist nicht bekannt. Dass Bitter sich mit Buschs Plattenprojekt auseinandergesetzt hat, spätestens seit der Zeit, als Kaul mit Wasserstoff, Karbid und Sauerampfer zum Nutzen des Gemeinwohls agierte, ist zur Freude der Busch-Forschung hinreichend belegt.

Carola Schramm

Wessen Platte ist die Platte - Teil 3

Die Möwe und die Caprifischer

 

Das Schießgewehr schießt, und das Spießmesser spießt / Und das Wasser frißt auf, die drin waten.

Was könnt ihr gegen Eis? Bleibt weg, ’s ist nicht weis‘! / Sagte das Weib zum Soldaten.

 

Diese Zeilen aus Bertolt Brechts Ballade vom Weib und dem Soldaten nach der Musik von Hanns Eisler sang Ernst Busch an einem Herbsttag des Jahres ’46 im Berliner Rundfunk. Auf eine Schellackplatte kommt das Lied damals jedoch nicht, denn Radiophon und Grammophon drängen zu jener Zeit eher auf die Lieferung möglichst politisch-neutraler Aufnahmen, um die Produktionslizenz für die Deutsche Grammophon von den Amerikanern irgendwie doch noch zu erzwingen. Zu einer amerikanischen Lizenz verhalf das nicht. In der großen Politik verhandeln Amerikaner und Briten bereits über die Bildung der Bizone. Für die sowjetische Seite ist nun Eile geboten, denn die Ernst Busch erteilte Lizenz war ohne Schaffung eigener materieller Voraussetzungen nicht nutzbar.

Friedrich Kaul, verantwortlich für Rundfunk und Radiophon, hatte angesichts des ungelösten Problems eine Zusammenkunft mit den Lizenzträgern des Schallplattenverlages „Lied der Zeit“, Ernst Busch und Gerhard Schwarz[1], sowie den maßgeblichen sowjetischen Offizieren initiiert. Man verabredete sich auf den 24. Oktober in der „Möwe“. Den Künstlerklub „Die Möwe“ in der Berliner Luisenstraße gab es seit dem Sommer 1946. Ernst Busch hatte ihn mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht mit aus der Taufe gehoben.

Kaul war auf das geplante Treffen gut vorbereitet. Bereits vor kurzem hatte er ein „Memorandum“ über die Neuordnung der Schallplattenproduktion in der sowjetischen Besatzungszone verfasst und dieses der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung (auch ZVV genannt) vorgelegt. Die ZVV war kurz nach Beendigung des Krieges aufgrund SMAD-Befehl als eine der ersten Selbstverwaltungen in der Sowjetzone gegründet worden. Sie verwaltete neben der Bildung die Bereiche kulturelle Aufklärung, Kunst und Literatur und auch den Berliner Rundfunk. Kauls Memorandum sah nun vor, auch die Schallplatte der ZVV zu überantworten, um deren kultur- und wirtschaftspolitische Unterstützung sicherzustellen. Er zweifelte nicht im Mindesten daran, dass die Realisierung eines so bedeutsamen Mediums in Zukunft nur im Zusammenwirken mit einer deutschen Selbstverwaltung funktionieren konnte. Im Übrigen schlug er vor, Produktionserfahrung und Maschinenpotential der in den westlichen Zonen Deutschlands agierenden Firmen, wie z.B. Electrola, Lindström und Kristall zu nutzen, zumindest solange, bis die Produktion in der sowjetischen Zone auf eigenen Füßen stehen kann. Die Vergabe von Einzellizenzen hingegen, wie dies die SMAD präferierte, hielt Kaul für einen Rückschritt hin zur privat-kapitalistischen Form des Unternehmertums. Er plädierte für eine vergesellschaftete Form. Soweit, so vernünftig. Die ZVV greift Kauls Vorschlag mit Freude auf und will nun ihrerseits die sowjetische Besatzungsmacht von diesem Konzept überzeugen. Sie entwickelt dazu ein eigenes umfangreiches Memorandum[2] und überreicht es der SMAD. Die Zusammenkunft in der „Möwe“ am Abend des 24. Oktober soll nun auf der Basis der vorliegenden Papiere einer bestmöglichen Lösungsfindung dienen.

Lebhaft und laut muss es bei dieser Begegnung zugegangen sein, ziemlich laut, so besagt es jedenfalls der ausführliche Bericht Kauls an seinen Intendanten Hans Mahle.[3] Doch der Krach geht nicht von Busch aus, wie man wegen seines zuweilen aufbrausenden Charakters vorschnell vermuten könnte. Der Fall ist verzwickter. Der denkwürdige Abend beginnt vorerst ganz sachlich, denn über die Brisanz der Lage sind sich die Beteiligten durchaus einig. Kaul ergreift die Gelegenheit und erläutert zunächst den beiden Lizenzträgern Busch und Schwarz seine konzeptionellen Überlegungen. Busch, der mittlerweile die Probleme mit der Radiophon GmbH zur Genüge zu spüren bekommen hat, steht der Idee, die gesamte Produktion einer staatlichen Verwaltung zu unterstellen gar nicht ablehnend gegenüber. Unterstützung konnte er gut gebrauchen.

Als zwei Kulturoffiziere der Berliner Stadtkommandantur, Hauptmann Gulyga und Hauptmann Mtschedlischwili, in der „Möwe“ eintreffen, gestaltet sich die Diskussion schon etwas kontroverser. Der junge Arsenij Gulyga ist mit Busch schon seit der Prämiere von Leuchtfeuer im Berliner Hebbeltheater im November 1945 freundschaftlich verbunden ist, verschließt sich zwar wie auch Busch den Vorschlägen Kauls nicht, kann ihnen aber auch nicht zustimmen. Da eine schnelle Einigung nicht in Sicht ist, verabredet man sich schließlich zur Klärung der dringenden Angelegenheit auf den nächsten Morgen.

Doch es kommt anders. Das Geschehen nimmt eine jähe Wendung, als ein hochrangiger Offizier „Die Möwe“ betritt. Es ist Sergej Barski, der Referent für Musik in der SMAD-Kulturabteilung, der alle bisher entwickelten Gedanken vom Tisch wischt und unmissverständlich zum Ausdruck bringt, dass weder die Mitwirkung der Zentralverwaltung noch die des Berliner Rundfunk an der neuen Schallplattenproduktion erwünscht sei. Und mit einem geschickten Schachzug setzt er zudem alle Gegenargumente außer Kraft: Er zitiert aus dem ihm vorliegenden Memorandum der ZVV ausgerechnet jenen Passus, den Kaul den Lizenzionären von „Lied der Zeit“ bislang aus gutem Grund verschwiegen hatte. In diesem heißt es, dass die Lizenzträger Busch und Schwarz Laien auf dem Gebiete der Plattenherstellung seien und es daher nicht zu erwarten wäre, dass „in absehbarer Zeit in einem derartigen Betriebe Schallplatten hergestellt werden können, die auch nur annähernd das Niveau der alten deutschen Industrie-Schallplatten erreichen“ [4] Das war starker Tobak. Kaul versucht zu retten, was zu retten ist, aber die Diskussionsgrundlage ist zerstört. Von nun an konstatiert er „eine erhebliche Verstimmung“. Ganz anders Busch, der wider Erwarten keine persönliche Betroffenheit, sondern den Willen zur Fortsetzung der Diskussion bei vernünftiger Abwägung aller Faktoren zeigt. Doch auch dieser Versuch misslingt. Die sowjetische Seite hat sich schon festgelegt und zwar allein auf Busch. Busch sei „ der einzige in Frage kommende Faktor für eine Schallplattenproduktion in der Sowjetzone“, das sei die Produktion, die man in dieser Zeit benötige. Die Würfel sind gefallen.

Es liegt der Gedanke nahe, dass zu dieser Entscheidung ganz andere und tiefgreifende Umstände geführt haben, als nur die bei oberflächlicher Betrachtung auffallenden persönlichen Präferenzen oder Animositäten. Immerhin laufen schon seit September 1946 die Verhandlungen der westlichen Alliierten zur Abspaltung der westlichen Zonen, Churchill verkündet offen den Antikommunismus und der Kalte Krieg sitzt in den Starlöchern. Einen ganz unmittelbaren Anlass für die rigorose Entscheidung der SMAD bot zudem das Ergebnis der Wahlen zur Berliner Stadtverordnetenversammlung nur wenige Tage zuvor. Der relativ geringe auf die SED entfallende Stimmenanteil zeigte, dass der Versuch, Arbeiterklasse und Intelligenz von der Richtigkeit der sowjetischen Politik und jener der SED zu überzeugen, zunächst nicht gelungen war. Das Misstrauen der SMAD in die Selbstverwaltungsorgane der Deutschen war nun umso größer. Das für die kulturpolitische Bildung so wichtige Medium Schallplatte wollte die sowjetische Seite nun weder der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung noch dem Berliner Rundfunk überlassen, ebenso wenig den Amerikanern ein Deutschland nach kapitalistischem Muster. Die SMAD zog Konsequenzen. Eine davon war Busch. Busch, der unerschütterliche Sozialist ist ihr zuverlässiger politischer Gewährsmann.

Und was tat Busch? Mit der ihm eigenen Arbeitswut produzierte er weiter, als würde es das ganze Kuddelmuddel um die Plattenpresserei gar nicht geben. Ein Aufnahmetermin nach dem anderen reiht sich im Kalender des Funkhauses aneinander. Das Schallarchiv des Berliner Rundfunk teilt Ende des Jahres 1946 die Fertigstellung von 12 Liedern, darunter Solidarität, Einheitsfront, Die Moorsoldaten und Lob des Revolutionärs und natürlich der Lieder der Interbrigaden mit.[5] Busch hat die von den sowjetischen Freunden gebotene Chance natürlich wahrgenommen und den ihm erteilten und seinen politischen Zielen bestens entsprechenden Auftrag nach Kräften umgesetzt.

Allerdings war die sowjetische Entscheidung keine perfekte Lösung, bei ihrer Realisierung zeigten sich Probleme und Schwierigkeiten, die kurzfristig behoben werden mussten. Ohne den Rundfunk und seine Aufnahmetechnik konnten doch gar keine Platten hergestellt werden. Und natürlich mussten auch der Rundfunk und die Einspielungen für „Lied der Zeit“ finanziert werden. Die sowjetische Seite trug dazu mehr als nur einmal bei. Auch Kauls Argument, dass es sich bei dem zu installierenden Busch-Betrieb wieder um ein privatkapitalistisches und damit der neuen Zeit widersprechendes Projekt handeln würde, ist im Grunde richtig. Aber Busch war mitnichten ein Unternehmer, für den Gewinnmaximierung auf der Tagesordnung stand. Buschs Intentionen lagen darin, eine Chronik des revolutionären Liedes zu gestalten und diese dort zu verbreiten, wo sie 12 Jahre lang aus der Öffentlichkeit verbannt und aus dem Gedächtnis der Menschen für immer ausgelöscht werden sollten. Dafür brauchte er eine materielle Basis, dafür brauchte er „Lied der Zeit“.

Angesichts der sich bei allem Einsatz dennoch einstellenden finanziellen Schwierigkeiten kommt Busch, um sein Plattenprojekt zu retten, im Frühjahr 1947 auf eine verrückte Idee. Er gründet die Label AMIGA und ETERNA und finanziert mit dem einen das andere. Der harten Reality stellt er sich mit einem Griff in die Trickkiste aus dem Land der Träume: Die Caprifischer, ein Schlager aus dem Jahr 1943, verhilft AMIGA zu seiner Geburt und „Lied der Zeit“ zu seinem Erfolg.

Carola Schramm


[1] Gerhard Schwarz, im Amt für Volksbildung tätig, hatte im August 1946 gemeinsam mit Busch die sowjetische Lizenz erhalten

[2] Memorandum zur Herstellung von Industrie-Schallplatten vom 19.10.1946, DRA F 208-00-00/0018

[3] Bericht v. 25.10.1946, ebenda

[4] Memorandum der ZVV, a.a.O.

[5] Akademie der Künste, Ernst Busch Archiv 2860

Wessen Platte ist die Platte - Teil 4

Capri und das Lied vom Leben

 

Die Möwe“ und die Folgen

Die Zeit der Improvisationen aus dem Jahr 1945 ist vorbei, damit auch die Möglichkeit der von Spontanität und Ideenreichtum geprägten Zwischenlösungen, die durch das anfängliche Miteinander der Besatzungsmächte in der Kulturpolitik gegeben war. Spätestens Ende 1946 verlangt der Kalte Krieg handfeste und funktionierende Institutionen, die der Orientierung der jeweiligen gesellschaftlich dominierenden Kraft entsprachen.

Dazu gehörte auch die im Oktober 1946 im Künstlerklub „Die Möwe“ gefallene sowjetische Entscheidung für einen ausschließlich Ernst Busch zur Verantwortung übergebenen Schallplattenbetrieb. Mit einer sowjetischen Lizenz allein war es aber nicht getan. Es fehlte an allem. Einen ersten Schritt zur Schaffung materieller Strukturen unternahm die sowjetische Militärverwaltung auf administrativem Wege, indem sie die TEMPO-Schallplattenfabrik in Babelsberg bei Potsdam, welche vor dem Krieg Tanzmusikplatten zum preisgünstigen Verkauf in Warenhäusern hergestellt hatte, Ernst Busch und seinem Unternehmen „Lied der Zeit“ übereignete. Dem bisherigen Eigner Otto Stahmann Junior aber wurde noch im gleichen Monat der „Möwe“-Entscheidung die bereits erteilte Lizenz wieder entzogen.

Aber wie so oft verhindern die Bürde und die Schuld, die ein Volk mit einem räuberischen Krieg auf sich lädt, das nachfolgend beabsichtigte friedliche Werk. TEMPO war von der Sowjetischen Militäradministration zum Zwecke der Wiedergutmachung bereits demontiert worden. So stand der Barrikaden-Tauber ohne Maschinen da.

 

Eine Frage des Kapitals – AMIGA und ETERNA

Busch kämpft um die materielle und finanzielle Sicherstellung seines Projektes. Ende 1946 wird für „Lied der Zeit“ in Berlin-Adlershof eine behelfsmäßige Galvanik aus dem Boden gestampft. In Babelsberg wird die TEMPO-Fabrik als Werk I wieder hergerichtet und zudem als Werk II ein Presswerk im sächsischen Ehrenfriedersdorf eingerichtet.[1] Den Pachtvertrag mit der Firma Kybarth & Söhne K.G. in Ehrenfriedersdorf hatte noch Otto Stahmann geschlossen und Busch konnte diesen übernehmen. Das war für „Lied der Zeit“ ein großes Glück, denn zumindest hinsichtlich der Pressung konnte man jetzt auf die Radiophon GmbH und die noch immer nicht lizensierte Deutsche Grammophon verzichten.

Schon im Herbst 1946 testete Busch das neue Werk im Erzgebirge und ließ einige Radiophon-Matrizen mit Spanienliedern dort pressen. Die ersten Probeplatten gingen am 11.11.1946 an Buschs Adresse nach Berlin-Wilmersdorf in die Bonner Straße 11; eine Firmenanschrift für „Lied der Zeit“ gab es da noch nicht.[2]

Sorge bereitete allerdings die Beschaffung der Rohstoffe für die Schallplattenmasse. Schellack, Copal, Pech u.a. gab es in Deutschland nicht und aus dem Ausland konnten sie kaum bezogen werden. Gepresst wurden die neuen Platten daher aus den alten.

Es war in der Nachkriegszeit allgemein üblich, beim Kauf einer Platte die Abgabe von zwei alten Platten zu verlangen. Jedoch fiel die Notlösung dem Busch auf die Füße: Viele Käufer gaben nur ungern zwei alte Platten für den Erwerb einer „Lied der Zeit“– Platte her. Um seinen langgehegten Traum von einer Chronik des revolutionären Liedes dennoch realisieren zu können, verfiel Busch auf einen klassischen Ausweg. Bereits Anfang des Jahres 1947 hatte Gerhard Schwarz, der zweite Lizenzträger neben Busch, bei der sowjetischen Kommandantur in Karlshorst einen Antrag auf Erweiterung der Produktionslizenz für die Marken „Lied der Zeit“ für politische Songs, „Eterna-Meisterklänge“ für die klassische Musik und „Amiga“ für die Tanz- u. Unterhaltungsmusik gestellt. Der Antrag war schnell genehmigt worden und die Produktion konnte sofort beginnen.[3].

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Doppelprägung: Matrizen-Nr. R 582/47 von Radiophon und AM 501/47 von AMIGA Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von albis international, www.albis-international.de

Auf AMIGA lag nun die große Hoffnung, die fehlenden Finanzen mit dem Verkauf von Unterhaltungsmusik einzubringen. AMIGA verwendete zunächst die Bestände der TEMPO-Fabrik und die ersten Platten mit dem bordeauxroten Logo waren Neupressungen alter TEMPO-Matrizen. Die Erinnerungen an die Tanzmusik der „Goldenen Zwanziger“ nahmen die Käufer an und die Platten ab.

Buschs Projekt nahm Gestalt an, nur fehlte noch die Rechtsform. Das Bürgerliche Gesetzbuch gab den entscheidenden Hinweis und am 3. Februar 1947 wird eine Kapitalgesellschaft, die „Lied der Zeit“ Schallplattengesellschaft mit beschränkter Haftung“ gegründet. Geschäftsanteile halten zu je 50.000 RM der Kaufmann Gerhard Schwarz, der Kaufmann Hans Wolff und der Schauspieler Ernst Busch. Alle drei Gesellschafter werden auch zu Geschäftsführern bestellt, jedoch kann keiner ohne Busch handeln, so ist es vereinbart und so wird es am 18. März 1947 in das Handelsregister des Amtsgerichts Berlin Mitte eingetragen. Einen ordentlichen Geschäftssitz hat die Firma jetzt auch: Unter den Linden 52, mitten in der Trümmerstadt Berlin.

 

Bella bella Marie

Im Frühjahr 1947 nimmt das AMIGA-Schiff richtig Fahrt auf und man wagt sich an Neuaufnahmen.

Am 14. März stehen der Komponist und Dirigent Gerhard Winkler mit dem Großen Unterhaltungsorchester und Kurt Reimann vor den Mikrophonen des Berliner Rundfunks, um eine Tango-Serenade einzuspielen, die Caprifischer.[4]

Gerhard Winkler hatte bereits Ende der dreißiger Jahre mit Liedern, wie O mia bella Napoli (1937) oder dem Chiantilied („Ja, ja, der Chiantiwein, der lädt uns alle ein“, 1940) italienische Traumwelten in die Herzen der Menschen und willkommene Abwechslung in das nach Weltherrschaft strebende faschistische Deutschland gebracht. 1943 bildeten die Caprifischer (Text Ralph Siegel) den vorläufigen Höhepunkt der Italienwelle. Der Komponist Winkler, der bis zum Entstehungsjahr Capri gar nicht kannte, und der Texter Siegel trafen mit dem Liedchen den Nerv der Zeit und die Gemütslage der auf ihre Söhne und Männer wartenden Daheimgebliebenen: „Bella bella bella Marie, bleib mir treu, ich komm zurück morgen früh“. Nur durfte bald darauf die Aufnahme mit Rudi Schuricke im Rundfunk nicht mehr erklingen, da die Alliierten im Juli 1943 Sizilien erobert hatten und Italien nur noch eingeschränkt Verbündeter Deutschlands war.

Als der Krieg vorbei war, da wurde kurz darauf die besagte Aufnahme bei Radiophon wieder aufgelegt. Das Lied wurde ein Hit. Der perfekte Sehnsuchtsort für die Nachkriegszeit war geschaffen.

Das ist auch Busch nicht entgangen. Im Gegensatz zu Winkler gab es für Busch einen realen Bezug zu Capri. Er kannte den Ort, war Mitte des Jahres 1923 mit seinen Kieler Freunden aus der SDAJ, auf Goethes Spuren wandelnd durch Italien getippelt. Busch war für die Freunde ein wichtiger künstlerischer und finanzieller Garant. Zur Klampfe singend waren sie durch die Lokale gezogen und hatten ihr Einkommen aufgebessert. Busch, mit seinem Faible für volkstümliche Melodien griff das Neapolitanische „Santa Lucia“ auf, sang es für „reiche Engländer“, wie er später notiert hat.[5]

Nun, „Tausend“ Jahre später rettet er mit Capri das „Lied der Zeit“.

 

Capri undercover

Mitte März des Jahres ´47 liegt die erste eigens für AMIGA gefertigte Wachsmatrize vor, eine Neuaufnahme der Caprifischer mit Kurt Reimann, einem Tenor bei der Staatsoper Berlin.

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Deckblatt zur Notenausgabe 1946/47 ~ Quelle: albis international, www. albis-international.de

Doch aus einer Wachsmatrize ist kein Laut zu holen, sofern deren Rillen nicht über einen Galvanisierungsprozess zu Vater- und Muttermatrizen gewandelt werden, um sich schließlich im Schellack gepresst wiederzufinden. Diesen Zwischenschritt der Galvanisierung hatte bislang die Radiophon GmbH erledigt. Angesichts der amerikanischen Lizenzverweigerung war deren Liquidation allerdings nur noch eine Frage der Zeit. Genau diese aber brauchte Busch, um mit seinem Unternehmen die durch einen möglichen Wegfall von Radiophon entstehende technische Lücke zu füllen. Wieder ist es der Justitiar des Berliner Rundfunk, Friedrich Karl Kaul, der für Busch und für „Lied der Zeit“ sein Bestes tut, auch wenn Busch ihm das niederschmetternde Memorandum vom Oktober 46 nie verziehen hat.[6] Kaul gelingt es, die Liquidation der Radiophon hinauszuzögern. Damit konnte er Buschs Unternehmen einen Zeitgewinn für den Aufbau seiner Produktionsstrecke verschaffen.

Vor allem aber war die Entwicklung der Wachse aus der Busch-Produktion bei der Radiophon GmbH noch eine Zeitlang gesichert und Busch konnte die ihm seit 1946 zugebilligten Radiophon-Matrizen-Nummern R 566 bis R 600 weiter verwenden. Freilich waren diese nur für die Produktion seiner politischen Lieder vorgesehen. Busch aber nutzt die Gunst der Stunde und jubelt mit Hilfe von Kaul der Radiophon GmbH die erste AMIGA-Neuaufnahme unter. Die Caprifischer gelangen als unverfängliche Wachsmatrize mit der Radiophon-Prägung „R 582/47“ und ohne das obligatorische Arbeitsblatt, sozusagen undercover, in die Galvanisierung. Im Verborgenen entwickeln sich die Caprifischer und erblicken unter AMIGA das Licht der Welt.

Zunächst geht alles glatt. Eine der ersten Musterplatten ist auch tatsächlich mit einer Doppelprägung, also zwei verschiedenen Matrizen-Nrn., sowohl von Radiophon (R 582/47) als auch von AMIGA (AM 501/47), versehen.

Doch dauert es nicht lange und der Schwindel fliegt auf. Radiophon verlangt Aufklärung. Die Boote der Caprifischer könnten doch kaum aus der Busch-Serie stammen, heißt es. Nicht zu Unrecht fürchtet Radiophon bzw. vor allem deren Gesellschafterin Deutsche Grammophon, mit der neuerlichen Entwicklung von Tanzmusik eine Schlange an ihrem Busen zu nähren und einem Konkurrenzunternehmen ungewollte Marktvorteile zu verschaffen. Als nach einigem erfolglosen Drängen noch immer keine Aufklärung seitens des Berliner Rundfunks erfolgt ist, verweigert Radiophon jede weitere Herausgabe von entwickelten Galvanos „aus lebenswichtigem Interesse“.[7] Die Marktgesetze greifen also wieder, bei Strafe des eigenen Untergangs. Die Boote der Caprifischer aber sinken nicht, AMIGA geht mit ihnen auf große Fahrt.

Etwa zur gleichen Zeit singt Busch im Berliner Rundfunk den Kesselsong aus dem 1931 entstandenen Film „Das Lied vom Leben“[8] für eine Schallplatte ein. Dieser Aufnahme wird nun die wieder frei gewordene Radiophon-Nr. 582 und das Präfix des neuen Unternehmens „Lied der Zeit“ zugeordnet: „LZ 582/47“. Im Kesselsong heißt es: „Sehen Sie? Stolz ohne Fessel fliegt das Schiff durch die salzigen Bön“.

Ein Lied vom Leben war das ganz sicherlich!

Carola Schramm


[1] AdK EB Archiv 156

[2] AdK EB Archiv 1327

[3] AdK EB Archiv 1328

[4] Bernd Meyer-Rähnitz. Die ewige Freundin, 2006, S. 61)

[5] AdK EB Archiv 207)

[6] vgl. Mitteilungsblatt I/2016

[7] DRA F 207-00-00/0003

[8] Regie: Alexis Granowsky, Musik: Hanns Eisler

Wessen Platte ist die Platte - Teil 5

Glück auf! Lieder der Zeit im Erzgebirge


Glück auf!

Aus dem Erzgebirge stammt dieser Gruß und bedeutete, Glück zu haben, dass der Berg sich auftut mit seinem wertvollen Erz und den Bergmann nach getaner Arbeit wieder freigibt. Ein Glück war Ehrenfriedersdorf für Busch. Und auch ein Glück auf.

Das Erzgebirge hat eine erstaunliche Schallplattengeschichte. Mit der Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde hier parallel zur Entwicklung von Sprech- und Grammophongeräten mit der Herstellung gepresster Schallplatten experimentiert. Im Jahre 1929 erwarb August Kybarth (1878-1945) in der Annaberger Straße in Ehrenfriedersdorf ein Fabrikgebäude, welches er mit Pressen, Galvanik und einer Apparatur für Elektroaufnahmen ausrüstete.

Fabrikbild & Firmenschild
Firma Kybarth ~ Fabrik in Ehrenfriedersdorf ~ Quelle: Archiv Petrovsky

Kybarth hatte sich bereits in Russland einen Namen gemacht, als er 1910 im Auftrag eines deutschen Unternehmers in Aprelevka bei Moskau eine Schallplattenfabrik errichtete. Das Werk namens Melodija bei Moskau existiert heute noch und dürfte allgemein bekannt sein, nicht aber, dass es auf den Schallplattenpionier August Kybarth zurückgeht, der übrigens 1921 Lenins Reden in schwarze Rillen gepresst hatte.

In Ehrenfriedersdorf wurden unter dem Label INTON Schallplatten gepresst. Zudem war August Kybarth ein Tüftler, der die geräuschlosen Zahnräder erfand, welche neben den Schallplatten eine sichere Einnahmequelle versprachen. Während des zweiten Weltkrieges kämpfte er ums wirtschaftliche Überleben, produzierte Platten für die Lindström AG und den Bedarf der Deutschen Wehrmacht. Gewinn brachte es für ihn kaum. August Kybarth starb im Januar 1945, die Söhne Artur und Kurt, letzterer noch bis 1949 in englischer Kriegsgefangenschaft, übernahmen das Werk.1


Grau ist‘s immer, wenn ein Morgen naht

Als im Sommer 1946 Otto Stahmann jun. als Inhaber der TEMPO Schallplattenfabrik in Babelsberg auf die Kybarth-Unternehmer zuging und einen Vertrag über die Verpachtung des Schallplattenpresswerkes schloss, schien die Zukunft für Stahmann und seine bereits Anfang des Jahres demontierte Fabrik gesichert. Die Maschinen in Ehrenfriedersdorf waren zwar sehr überholungsbedürftig aber brauchbar. Man vereinbarte eine Zusammenarbeit unter der Voraussetzung, dass die Besatzungsmächte die entsprechende Genehmigung erteilten.2

halbautomatische Plattenpressmaschine
halbautomatische Presse ~ Werk Ehrenfriedersdorf ~ Quelle: Archiv Petrovsky

Es kam, wie bekannt, anders. Nach der sowjetischen Entscheidung im Oktober 1946 in der „Möwe“ (vgl. EBG-Mitteilungen 1/2016), die unmissverständlich zugunsten Ernst Buschs ausgefallen war, musste Otto Stahmann jun. seine Lizenz zurückgeben. Die SMAD beschlagnahmte das TEMPO-Werk, um es der Provinzialregierung Brandenburg zu überantworten. Diese wiederum schloss mit „Lied der Zeit“ einen Pachtvertrag.3 Nun war auch Busch ein Schallplattenfabrikant, aber einer in schwieriger Lage. Ein Großteil der Maschinen war als Reparationsleistung in die Sowjetunion gebracht worden, lediglich Material und Matrizen waren für „Lied der Zeit“ verwertbar.

Zunächst berieten Vertreter des Berliner Rundfunks und Ernst Busch über „die von russischer Seite unter seiner Leitung erfolgten Planungen auf dem Gebiet der Schallplattenproduktion“. Busch drängte darauf, „tunlichst“ den Betrieb in Ehrenfriedersdorf zu nutzen, da dieser stillliege. Schließlich wurde verabredet, dass Busch unverzüglich mit den Aufnahmen seiner Lieder im Funk beginnt und diese dann, statt bei Radiophon nun bei „Lied der Zeit“ in Ehrenfriedersdorf pressen lässt.4

Die Plattenproduktion in Ehrenfriedersdorf kam allerdings nicht so schnell in Gang, wie gedacht. Zeitgleich mit der Beschlagnahme der TEMPO-Fabrik in Babelsberg hatte die sowjetische Kommandantur in Sachsen auch die Beschlagnahme des von Stahmann jun. gepachteten Presswerks in Ehrenfriedersdorf verfügt. Artur Kybarth, der eigentlich mit Stahmann seine Geschäfte machen wollte, sah sich nun nicht nur „Lied der Zeit“, sondern auch einer zweckwidrigen Entscheidung gegenüber, da die Kohlevorräte ebenfalls beschlagnahmt wurden. In letzter Minute telegrafierte Kybarth am 29. November 1946 an die sowjetische Zentrale in Karlshorst: „Die Handelskammer Annaberg will die Kohlen von Stahmann an die Industrie verteilen…stop …Lied der Zeit wird ohne Kohlen nicht arbeiten können“ 5 und rettete damit „Lied der Zeit“ den Produktionsbeginn.

Doch erst im Februar 1947 konnte „Lied der Zeit“ mit der Firma Kybarth & Söhne K.G. den Pachtvertrag abschließen. Zu diesem Zeitpunkt waren gerade noch 20t Kohle vorrätig, nötig gewesen wären mindestens 75t – im Monat!

Das Werk in Ehrenfriedersdorf musste aber unter allen Umständen in Betrieb genommen werden, denn es bot als einzige Fabrik in der sowjetischen Besatzungszone sowohl einen kompletten Maschinenpark zur Herstellung von Schallplattenmasse (Mühle, Mischerei, Walze und Kalander) als auch eine komplette Presserei (Hochdruckakkumulator, zwei hydraulische Hochdruckpumpen und sieben Halbautomaten). Auch eine komplette „Kühlanlage (unzureichend), ein Dampfkessel nebst Duplex-Speisepumpe und Injektor, eine Dampfmaschine, eine Generatorenanlage (für eigene Stromerzeugung, jedoch nur einsatzfähig bei Steinkohlenfeuerung), eine Schleiferei“ standen zur Verfügung.6

So begann trotz aller Widrigkeiten im Februar 1947 die Produktion. Nach den Vorstellungen von „Lied der Zeit“ sollte das Werk ausreichend Gewinn erwirtschaften um auch den Wiederaufbau in Babelsberg zu finanzieren. Der Plan sah zunächst einen monatlichen Ausstoß von ca. 70.000 Schallplatten vor. Mit marktfähigen Preisen („Einzelhandelsverkaufspreis 4.50 RM, wobei RM -.50 für das zurückzugebende Altmaterial vergütet“ wurde) stellte sich das Unternehmen der Konkurrenz. Soweit der Plan – aber die Realität sah anders aus.

Laut Bilanz wurden im Jahr 1947 nur 290.000 Platten hergestellt, davon 268.600 verkauft. Das Werk in Ehrenfriedersdorf erwirtschaftete einen Umsatz von 755.000 RM, “Lied der Zeit“ insgesamt 909.000 RM. Doch der Erlös reichte nicht aus. Löhne und Gehälter, Mieten und Pachten, Lizenzgebühren für Otto Stahmann jun. und die GEMA, Steuern, Kosten für die Aufnahmen, auch unbrauchbare, Ausgaben für Werbungszwecke und den Aufbau des Werkes in Babelsberg waren ein zu schweres Gewicht auf der anderen Seite der Waagschale. Schließlich zeichnete die Bilanz des Buschschen Unternehmens für das Jahr 1947 einen Verlust von über 128.000 RM.7


Und trotz Hunger, Kält und Kümmernissen, stehn zum Handanlegen wir parat

Die Hinterlassenschaft eines verbrecherischen Krieges ist schrecklich. Trümmer in den Städten, eine zerstörte Infrastruktur und Mutlosigkeit lassen einen kalten Winter wie den von 1946/47 sein Übriges an Zer- und Verstörung tun. Betroffen ist davon natürlich auch „Lied der Zeit“.

Die größten Schwierigkeiten bestehen jetzt also, nachdem die technischen Voraussetzungen … im wesentlichsten Erfüllung finden konnten, in der äußerst mangelhaften und unbeständigen Versorgung des Werkes mit Kohle und Strom“, heißt es in einem internen Betriebsbericht. Um die ehrgeizigen Produktionsziele zu erreichen, hätten die Maschinen mehrschichtig fahren müssen, jedoch erfolgte die Stromzuteilung nur für eine Schicht und nicht einmal diese war garantiert: „Allein im Mai d. Jhs. erlitt unser Werk einen Arbeitsausfall von 42% durch Stromsperren.“ 8

Ohne Braunkohle hätte „Lied der Zeit“ keine Chance gehabt, keinen Dampf, keine Presse, keine Platte. Es war die SMA, welche sporadisch zur Kohle verhalf, um die Produktion aufrecht zu erhalten. Die hochwertige Steinkohle aber für den Dampfkessel, der wiederum die ungenutzten Generatoren zur Stromerzeugung angetrieben hätte, ließ sich trotz sowjetischer Hilfe nicht auftreiben.

Dass unter diesen Umständen überhaupt eine Schallplattenfabrikation ins Leben gerufen wurde, zeugt von einem enormen Aufbauwillen und einer ungeheuren Kraftanstrengung der bei „Lied der Zeit“ arbeitenden Menschen und ist auch typisch für Ernst Buschs unbändige Arbeitswut. Diesen schwierigen Anfang, der von herben Rückschlägen, widersprüchlichen persönlichen und politischen Entscheidungen der Agierenden gekennzeichnet ist, als „fulminantes Scheitern“9 des Unternehmers Busch abzutun, vernachlässigt die historischen Umstände und Tatsachen.

Es gelang „Lied der Zeit“ dennoch, die neuen Label im Handel zu etablieren und AMIGA zur finanziellen Stütze des gesamten Unternehmens zu machen, wie die nachfolgende Übersicht zum Plattenverkauf im Jahr 1947 zeigt:10

Label

Verkauf in Stückzahlen

Verkauf in RM

AMIGA

123.325

346.202

ETERNA

18.435

51.150

Lied der Zeit

29.967

83.200

AMIGA Sonderklasse

97.023

274.362

Das Werk in Ehrenfriedersdorf, zunächst als Übergangslösung gedacht, wurde eine feste Größe der DDR-Schallplattenherstellung. Produziert wurde für den Buschschen Betrieb „Lied der Zeit“ und später für „VEB Deutsche Schallplatten“ noch bis in das Jahr 1958 hinein. Dann zog die Fabrikation komplett nach Babelsberg um und die Ära der Schwarzen Scheibe im Erzgebirge war vorbei.

Heute ist die Berg- und Greifensteinstadt Ehrenfriedersdorf, die bis 1990 auch eine Bergarbeiterstadt war, eine stolze Stadt, die um ihre Traditionen ringt, auch wenn die industrielle weggebrochen ist. Das Gebäude der einstigen Schallplattenfabrik in der Annaberger Straße und ein paar Maschinen sind erhalten geblieben, ebenso einige Schellacks, deren Etiketten viele Geschichten freigeben. Und zum Glück gibt es noch einige Ehrenfriedersdorfer, die diese erzählen können. Man denke an die Einrichtung eines kleinen Museums in der Fabrik, so Frau Ullmann, Enkelin von August Kybarth. Alljährlich wird mit einem „Tag der Schallplatte“ an die klingenden Scheiben aus dem Erzgebirge erinnert. Auch das „Zeitalter“ der Busch-Produktion wird hier demnächst zur Sprache kommen.

Glück auf!

Carola Schramm

Fortsetzung mit „Lied der Zeit: Und weil der Mensch ein Mensch ist“ (= Wessen Platte ist die Platte Teil 6)


1  Vgl. Enrico Pigorsch. Schallplatten(kunst) aus dem Erzgebirge. In: „Der Schalltrichter“. Deutscher Grammophon-Club e.V. 2009 und 2010.

2  Vertrag v.1.8.1946, Archiv Kybarth

3  Pachtvertrag v. 1.1.1947, vgl. DRA F 209-00-00/0027

4  Besprechung am 28.11.1946. DRA F 200-00-00/0018

5  Archiv Kybarth

6  Dokument Metaxas 23.2.47, Archiv Petrovsky

7  Bilanz, DRA F 209-00-00/0027

8  AdK – Ernst Busch-Archiv 156

9  Jochen Voit. Er rührte an den Schlaf der Welt. Ernst Busch. Die Biographie, Berlin 2010, S. 183ff.

10  Bilanz, s.o.