Ehrenmitglieder

Ehrenmitglieder sind:

Kurt Hartke

Barbara Thalheim

Reinhold Andert

 

Ehrenmitglieder waren:

Eberhard Esche (1933 – 2006)

Erwin Geschonneck (1906 – 2008)

Hanne Hiob (1923 – 2009)

Dietrich Kittner (1935 – 2013)

Hilmar Thate (1931 – 2016)

Gisela May (1924 – 2016)

Inge Keller (1923 – 2017)

 


 

Wir trauern um Erwin Geschonneck
Erwin Geschonneck
Foto: Peter Heinz Junge, Horst Sturm

Er verstarb am 12. März im Alter von 101 Jahren. Sein Schauspielerleben begann vor mehr als 75 Jahren in kommunistischen Laienspielgruppen. 1931 wirkte er in dem Film „Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt“ (Brecht, Eisler, Dudow) mit, in dem Ernst Busch die männliche Hauptrolle spielte.
Erwin Geschonneck, geboren als Sohn eines Flickschusters und Nachtwächters und mit den Erfahrungen eines Gelegenheitsarbeiters, Büroboten und Hausdieners versehen, hat als junger Mann alle Gefährnisse der Nazizeit durchleben müssen. Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands seit 1929, emigrierte er 1933 in die Sowjetunion. 1939 wurde er unter falschen Beschuldigungen vom NKWD verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Er überstand die Haft in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Dachau und Neuengamme und gehörte zu den wenigen Überlebenden des am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht von britischen Flugzeugen versenkten KZ-Schiffes Cap Arcona.
Nach dem Krieg war Geschonneck zunächst an den Hamburger Kammerspielen tätig und arbeitete für den Film. 1949 folgte er dem Ruf Bertolt Brechts an das Berliner Ensemble, wo er verschiedene große Rollen übernahm (u.a. den Matti in Herr Puntila und sein Knecht Matti von Brecht, den Dorfrichter Adam in Kleists Zerbrochenem Krug und den Don Juan in Molières gleichnamigem Stück).
Mit seiner Berliner Zeit begann auch Geschonnecks sehr erfolgreiche und publikumswirksame Filmarbeit bei der DEFA und dem Deutschen Fernsehen. Er drehte unter verschiedenen bedeutenden Regisseuren eine Vielzahl von weithin bekannt gewordenen und anerkannten Filmen, durch die er große Popularität gewann und noch 1992 in einer Umfrage zum besten DDR-Schauspieler gekürt wurde.
Für seine großen schauspielerischen Leistungen wurde Erwin Geschonneck mit hohen Auszeichnungen geehrt, er erhielt mehrere Nationalpreise, den Vaterländischen Verdienstorden, den Karl-Marx-Orden und den Kunstpreis des FDGB. 1993 wurde er mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet und 2004 zum Ehrenmitglied der Deutschen Filmakademie gewählt.

Erwin Geschonneck war Ehrenmitglied des 1993 gegründeten Freundeskreises Ernst Busch.

Hanne Hiob verstorben

Mit großer Bestürzung haben wir die Nachricht erfahren, dass das Ehrenmitglied unseres Freundeskreises
Ernst Busch, die große Schauspielerin Hanne Hiob, in den letzten Tagen des Juni verstorben ist. Unsere Betroffenheit ist groß, haben wir doch als Freundeskreis in Übereinstimmung mit den künstlerischen und politischen Ideen der Dahingegangenen gehandelt und gemeinsam gewirkt und schon auf ein Zusammenwirken für die Ernst Busch-Tage 2010 gesetzt. Die Hoffnungen sind zerstört.
Wir werden unserer guten Freundin ein starkes, ehrendes Andenken bewahren.

Am 14. September 2016 verstarb der große Schauspieler Hilmar Thate
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Hilmar Thate

Unvergessen ist uns sein Konzert „Für Ernst Busch“, welches er im Mai 2010 im Rahmen der Ernst Busch Tage gab. Thate sang Brecht und Eisler und hatte seinen Auftritt dem von ihm verehrten Vorbild Ernst Busch, „Ernesto“, gewidmet.
Thates Liederprogramm ging über Brecht-Eisler-Lieder (u.a. Ballade von den Seeräubern, Der Marsch ins Dritte Reich, Lied von der Tünche) hinaus: auch Erich Mühsams „Lampenputzer“ oder Lieder von Kurt Tucholsky (Das Lied vom Kompromiß, Der Graben, Das Vertiko) erklangen. Mit dem Wissen des Nachgeborenen machte der Schauspieler eindringlich und packend deutlich, dass diese Lieder auch heute nichts von ihrer Aussagekraft verloren haben und für viele Bereiche des gesellschaftlichen und politischen Lebens noch immer Gültigkeit besitzen. Zentrale Themen waren der Krieg und die Verführung und Verführbarkeit der Menschen für politische Zwecke („Millionen Menschen lassen sich etwas vormachen! Damals wie heute!“).

Bewegend und ergreifend der Vortrag von Brechts „An die Nachgeborenen“, mit dem er einen leisen und eindringlichen Brückenschlag zur Gegenwart suchte.

In seinen Memoiren schrieb Thate:

„Mich faszinierte Ernst Busch mit seinen Liedern, mich faszinierten die Art, wie er sang, und seine Jahrhundertstimme. (…)

Ernst Busch ließ mich gelten. Er war liebevoll. Ich hatte an einen Abend den „Linken Marsch“ bei einer Großveranstaltung herausgepfeffert, ein Liedbrocken von Wladimir Majakowski. Busch fragte: ‚Na, wie wars gestern?’ – ‚Es war mit großem Orchester. Ich hatte eine Panne, den Einsatz verpatzt. Furchtbar.’ Er lachte ein wenig hämisch: ‚ Ja, ja, ja, ja, man muß auch zwei Stunden Schande überstehen können, mein Lieber.’ (…)

Er nahm kein Blatt vor den Mund und kannte keine Angst vor großen Tieren. Busch war mit seiner Authentizität, seiner Kompetenz, seiner ganzen Lebensgeschichte ein Vorbild für uns. (…) Natürlich gehörte er einer anderen Generation an. Aber wir jüngeren Schauspieler am Berliner Ensemble studierten die ältere Schauspieler-Generation intensivst. Wir orientierten uns an diesen Größen. (…)

Es gibt andere witzige Storys aus der Probezeit mit Brecht. Galilei fragt Andrea neugierig, was aus den anderen Wissenschaftlern seiner Zeit geworden ist, besonders aus seinem Lieblingsfeind Descartes. Brecht rief zur Bühne: ‚Busch, Busch, spielen Sie das als die größte Krise dieser Figur. Weil, wissen Sie, wenn der Descartes nicht mehr da ist, dann hat er seinen größten Konkurrenten verloren. Das ist ein schwerer Verlust, und damit hat er zu kämpfen.’

Eine große Regieanmerkung im Gegensatz zu dem, was gegenwärtig so geplappert und nicht gedacht wird.“

Aus: Hilmar Thate: Neulich, als ich noch Kind war. Autobiographie – Versuch eines Zeitgenossen, Bergisch-Gladbach: Gustav Lübbe Verlag 2006

Hilmar Thate war Ehrenmitglied unserer Ernst Busch – Gesellschaft. Seine Stimme wird fehlen.

Eberhard Esche
Eberhard Esche
Foto: Joost Evers / Anefo – Nationaal Archief

Der Schauspieler Eberhard Esche (1933 – 2006) war ein großen Bühnen- und Film-Darsteller. Viele seiner Rollen-Interpretationen, so in „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz am Deutschen Theater, bleiben unerreicht. Auch als Sprecher und beliebter Rezitator (u.a. „Der Hase im Rausch“) bleibt er unvergessen. Konserviert sind diese Leistungen auf Platte. In den 1990er Jahren trat er als Autor satirisch-zeitkritischer Bücher hervor. Esche schuf sich einen privaten Gedenkort für den von ihm hoch verehrten Ernst Busch: auf seinem Grundstück in Kraatz bei Gransee steht eine Stele, auf der sich Plaketten-Porträts seiner Vorbilder der Schauspielkunst befinden, zu denen auch Busch zählt.

Eberhard Esche an den Freundeskreis, Ausschnitte aus einem Brief 
Kraatz, den 24. November 2003
Lieber Herr Professor Dr. Elsner,
1933…da war Ernst Busch schon längst Kommunist, also Hitlerfeind.
Für diese guten Eigenschaften hat Ernst Busch viel ertragen müssen. doch er hat es ertragen. Und so wurden seine Bürden unser Gewinn. Der Gewinn derer, die damals jünger waren und darum in die Wohltat gerieten, ihn, vom Beginn der späten vierziger Jahre an zu erleben und zu bewundern. Wir bewunderten nicht nur seine Schauspielkunst und seinen Gesang, wir erlebten, ohne damals viel von seiner Lebensgeschichte zu wissen, daß wir einer Persönlichkeit begegnet waren. Später weiß man, daß das unter Schauspielern eine Rarität ist. Denn Persönlichkeiten, Charaktere, unabhängig vom Beruf, geraten immer und überall in die Bredouille. Da ja dem Charakter u.a. auch die Fähigkeit eigen ist, Bredouillen selbst anzurichten.
Solche Absonderlichkeiten sich zu eigen zu machen verbietet aber dieser Beruf. Eine Profession, zu deren Wesenmerkmalen die Anpassung gehört, spielt den Protest zwar gerne, doch sie lebt ihn nicht. Wenn auch die Phantasie der Gaukler so manchem grenzenlos zu Gebote stand, spielte so mancher, wechselnden Systemen zum Trotz, den Protest so gut, daß er meinte, er lebe ihn. Doch der Irrtum war Ihnen im Innersten immer bewußt. Denn vergeht der Schauspieler sich an den Gesetztheiten des Berufes im wirklichen Leben, kann er zwar weiter seine Rollen üben, aber spielen und singen kann er sie dann nur noch auf der Reise oder, wenn er das noch hat, zu Hause. Ohne Bühne , sprich ohne Publikum spielen und singen, ist natürlich bitter. So ist das Rollenspiel des Opportunismus eine erzwungene Berufsspezialität der Schauspieler der Welt, was wahrhaft bitter ist.
Doch Busch schaffte sich auf seine Weise Lebenserfahrungen. Eben dadurch, daß er mit dieser Berufsspezialität zeit seines Lebens auf Kriegsfuß stand, aus dieser Gegebenheit heraus aber seine Lebensmaxime schuf. Aus dieser Tatsache heraus, dem kommunistischen Trotzalledem, aber seine Lebensmaxime schuf: Talent und Charakter nie trennen zu lassen. Sondern, von Mühe zu Mühe beides anzunähern, so beides zu stärken, um es schließlich, nun schon alt geworden, zu vereinen und so den Busch zu schaffen. Seine Biographie zeigt, unter welchen Bedingungen und mit welcher Art Mühen er das schaffte. Er war wirklich ein Riese geworden. Dennoch hätte er, ausgestattet mit dieser Rigorosität, früher oder später, vor die Hunde gehen müssen, und wir hätten nie von ihm gehört – hätte es nicht eine Deutsche Demokratische Republik gegeben.
Es ist uns nicht unbekannt geblieben, und oben schon angedeutet, daß Persönlichkeiten vom Range eines Busch mit jedem System in Konflikte geraten mußten. Zwangsläufig! Was die heute so gerne gebrauchte Opfer-Täter-Theorie als modisches Kliescheedenken von Schwachköpfen und Journaillen brandmarkt. Doch hätte es die DDR nicht gegeben, der Einfluß, den Busch auf eine ganze Generation junger Schauspieler der jungen Republik ausübte, hätte dann nie stattgefunden. Und sehe ich heute, nach der künstlichen Vereinung, die beiden Schulen für Schauspieler aus Ostdeutschland und Westdeutschland, dann muß ich feststellen, daß aus meiner Generation Leute hervorgegangen sind, an denen sichtbar und hörbar wurde, daß sie das Glück gehabt hatten, die bessere Schule besuchen zu können. Wenn sie das auch zu Lebzeiten des sozialistischen Staates wenig zu schätzen wußten.
Nun, der Beweis der Lebensfähigkeit eines kommunistischen Systems ist unterbrochen worden, und die besseren Schulen wurden vorerst geschlossen. Der Geldgeber für die guten Schulen hat sich selbst umgebracht. Und so bleibt der alte Ernst Busch als ewig junger Rufer für das Bessere in der Erinnerung. Mit der Erinnerung hat es aber so eine Bewandtnis hat. Nämlich die, daß sich die Erinnerung vor der Wahrheit verlaufen kann, um entweder in die Abwege der Verteufelung oder die Irrwege der Vergoldung zu geraten. Oder den bekannten Dritten Weg sucht, der alle bedienen will und keinem nützt und so allen und der Sache schadet. Also, wenn ich das so ausdrücken darf, sich UnErnst verhält.
Und so verstehe ich das Anliegen des Freundeskreises Ernst Busch, diesem entgegenzuwirken und die Erinnerung im Reinen zu halten.
Von solch einem Kreis als Ehrenmitglied aufgenommen worden zu sein ist mir eine große Freude und Ehre zugleich. Dafür danke ich Ihnen und Ihren Mitstreitern sehr.
Bleiben Sie, bitte, alle noch lange gesund. Die Verhältnisse verbessern sich so, daß Sie, wissen wir, was morgen ist, wieder gebraucht werden könnten. Zumindest gehört zur Reinheit der Erinnerung auch die Unberührbarkeit der Hoffnung.
… Ihr E.E.

Nachruf
Wir trauern um Eberhard Esche. Im Jahr 2003, anläßlich seines 70. Geburtstages, war der Schauspieler Eberhard Esche von uns zum Ehrenmitglied unseres Freundeskreises gewählt worden.

Eberhard Esche, Schauspieler, Kollege und Bewunderer Ernst Buschs fühlte sich unserem Anliegen in besonderer Weise verbunden. „Die Erinnerung im Reinen zu halten“, so nannte er es und meinte damit mitnichten die Verklärung. Die „Erinnerung könne sich vor der Wahrheit verlaufen, … um entweder in die Abwege der Verteufelung oder die Irrwege der Vergoldung zu geraten.“ Er verstand sich und uns als Teil eines Strebens, diesem entgegenzuwirken. 

Der Schauspieler Eberhard Esche verstarb am 15. Mai 2006 in Berlin.

Gisela May
Gisela May

Wir trauern um unser Ehrenmitglied Gisela May (31.05.1924 – 02.12.2016)

Die Ernst Busch Gesellschaft trauert um Gisela May, die uns lange Jahre als Ehrenmitglied begleitet hat.

Die außerordentlich vielseitige Künstlerin, die sich als Theaterschauspielerin auf den Brettern des Deutschen Theaters Berlin etablierte und bis 1995 dem Berliner Ensemble angehörte, erlangte vor allem als Interpretin des Chanson internationale Bekanntheit. Unvergesslich auch ihre Titelfigur im Musical Hallo Dolly am Metropol-Theater Berlin.

Unter dem Motto Es wechseln die Zeiten, Bertolt Brechts Lied von der Moldau entlehnt, würdigte die Ernst Busch Gesellschaft gemeinsam mit der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft und dem Kino BABAYLON die Diseuse und Schauspielerin Gisela May zu Ihrem 90. Geburtstag.

Dabei waren u.a. die als Brecht-Interpretin bekannte Sängerin und Schauspielerin Gina Pietsch, selbst Schülerin von Gisela May und wiederum SchülerInnen der Pietsch, Studierende aus dem Chansonkurs der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg; weiterhin die Sopranistin Stefanie Wüst. Auch sie hatte während Ihres Studiums einen Meisterkurs bei Gisela May absolviert und war erst kürzlich beim Kurt Weill Fest in Dessau zu hören.

Neben den künstlerischen Geburtstagsgrüßen wurden auch Filmdokumente geboten, welche einen erkenntnisreichen Einblick in das umfangreiche Œuvre einer wunderbaren Künstlerin gaben.

Freunde, Wegbegleiter und Verehrer der May hatten ihr am Abend des 10. Juni im Kino BABYLON einen fulminanten musikalischen Geburtstagsgruß entboten. Das Unvergessliche an dieser Hommage war Gisela May selbst, die sich auf der Bühne noch einmal als wunderbare Künstlerin zeigte und das Publikum begeisterte.

 

GiselaMay – Hommage zum 90.

Am 10. Juni 2014 wurde in Berlin-Grunewald anlässlich des 85. Geburtstags von Harald Juhnke durch den Regierenden Bürgermeister und andere eine Gedenktafel enthüllt. Die Berliner Zeitung schrieb: „Die alte West-Berliner Gesellschaft traf sich … zum Heimspiel – im alten West-Berlin.“ Am gleichen Tag wurde in Berlin-Mitte die Schauspielerin und Sängerin Gisela May anlässlich ihres 90. Geburtstags geehrt. Hier sprach kein Bürgermeister und auch kein Theaterintendant, es war eine Veranstaltung der Ernst Busch-Gesellschaft, der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft und des Kinos Babylon. Gewiss war auch dies eine Art Heimspiel, aber wer traf sich hier, das alte Ost-Berlin, das linke Berlin? Ich weiß es nicht genau. Das Haus war jedenfalls ausverkauft, das Publikum ging hervorragend mit und harrte trotz der Überlänge des Programms bis zum Schluss aus.

Einen wesentlichen Teil des Programms bildeten Filmaufnahmen mit Gisela May aus verschiedenen Jahrzehnten. Aus den 50er Jahren gibt es da leider wenig außer einem Fernsehauftritt mit Hanns Eisler 1957 („Zwei liebevolle Schwestern“). Recht unterhaltsam waren dann zum Teil Aufnahmen aus den USA von 1972, und besonders eindrucksvoll fand ich die Aufzeichnung eines Konzertes zum Brecht-Geburtstag 1973 in Frankfurt am Main, in dem die May u.a. ihre Schwejk-Klassiker wie das „Lied von der Moldau“ und das „Lied vom kleinen Wind“ vortrug.

Zwei gestandene Sängerinnen wirkten im Programm mit, die sich beide bewusst auf Gisela May beziehen. Gina Pietsch studierte in den 70er Jahren Chanson bei ihr an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler” in Berlin, und Stefanie Wüst war in einem Meisterkurs der May. Wüst sang Stücke von Kurt Weill und Pietsch Songs von Brecht/Eisler und anderen. Zu den Mitwirkenden des Abends gehörte auch der Musikmanager und Linken-Politiker Diether Dehm, der sich hier als Sänger und Autor präsentierte.

Wie die May arbeitet auch Gina Pietsch seit vielen Jahren als Chansonpädagogin und brachte nun Studenten der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ mit, die sie gegenwärtig unterrichtet. Die Studenten sagen Chansons von Brecht/Eisler, Brel und Kreisler. Das war zum Teil überraschend aktuell und ergab einen sehr erfrischender Schlussteil des Abends.
Gisela May sah sich alles an, war bester Laune, machte Zwischenbemerkungen und sang beim Finale auch selbst mit. Jürgen Schebera moderierte den Abend kenntnisreich und einfühlsam.

Herzlichen Glückwunsch noch mal an Gisela May! Und Glückwunsch auch an die Veranstalter für eine sehr gelungene Geburtstagshommage!

Lutz Kirchenwitz

GISELA MAY: DIE REVOLUTIONÄRE ART SOLL DURCH VERNUNFT WIRKEN

Die May im Interview mit Hans Christian Nørregaard (HCN)

Im April 1967 gastiert Gisela May mit Mitgliedern der Staatsoper Berlin in Kopenhagen als Anna 1 in „Die sieben Todsünden“ von Kurt Weill und Bertolt Brecht. Außerdem gab die May als Solistin ein Brecht/Weill- Programm in Kopenhagen. Ich führte mit Gisela May ein Gespräch für den Dänischen Rundfunk. In der Rund- funksendung wurden Beispiele aus ihrer allerersten 25 cm Langspielplatte „Gisela May singt Lieder von Hanns Eisler nach Texten von Bertolt Brecht“ (Eterna 1963) gespielt. Diese Aufnahmen, die am deutlichsten von ihrer Zusammenarbeit mit Hanns Eisler und Helene Weigel geprägt sind, sind nie wiedererschienen.

HCN: Die revolutionäre Künstlerin – ist das eine passende Präsentation von Ihnen, Gisela May?

GISELA MAY: Wenn Sie unter einer revolutionären Künstlerin verstehen, dass sie sich politisch interessiert, dass sie mit ihrer Kunst die Absicht hat, die Umwelt zu verändern und zu beeinflussen, dann ist es sicher zu- treffend. Ich will keine unverbindliche, reine Unterhaltungskunst, sondern ich glaube wirklich, dass die Kunst, die echte Kunst, zu allen Zeiten dazu beigetragen hat, die Menschen und die Welt zu verändern. Wenn Sie eben „Das Lied von der Moldau“ gehört haben, dann haben Sie vielleicht schon eine kleine Vorstellung davon, in welcher Weise ich danach strebe, das Publikum zu verändern oder zu beeinflussen, nämlich in einer freundlichen Weise. Die revolutionäre Art soll durch die Vernunft wirken und in freundlicher Weise die Men- schen beeinflussen. Insofern ist vielleicht dieser Begriff ein bisschen zu hoch gegriffen für mich, aber etwas ist vielleicht doch dran.

HCN: Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky – mit diesen Namen verbindet man heute die Schauspielerin und Sängerin Gisela May. Ich möchte Sie aber fragen, ob Sie überhaupt diese Namen kannten, als Sie 1942 Ihr Debüt hatten, denn damals waren die zwei Dichter vertrieben und verboten und Sie eine ganz junge Schauspielerin?

GISELA MAY: Ich hatte das Glück, in einem Elternhaus aufzuwachsen, das ein antifaschistisches Elternhaus war. Weil meine Mutter Schauspielerin war und mein Vater Schriftsteller – aber in der Nazizeit war ihm das nicht möglich, da er politisch in einer ganz anderen Welt lebte und dachte – da sind mir schon in meiner Kindheit diese Schriftsteller begegnet, wenigstens durch ihre Bücher, und einer der berühmtesten Interpreten von z.B. Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky, nämlich Ernst Busch, der große Volkssänger, den hörte ich schon als Kind heimlich auf den Schallplatten, die damals verboten waren. Und ich habe bereits als Kind „Das Lied von den Baumwollpflückern“ und „Das Lied vom Nigger Jim“ auswendig gekonnt und singen können. Und ich habe mir wohl als Kind nie träumen lassen, dass ich einmal später als gleichwertige Kollegin neben ihm auf der Bühne stehen würde, das ist eigentlich meine schönste Erfüllung.

ÜBER HELENE WEIGEL

GISELA MAY: Ich muss unbedingt Helene Weigel nennen, die als Witwe von Bertolt Brecht das Ensemble wei- terleitet. Er hat sie damit beauftragt, dieses Theater als Intendantin zu leiten, und sie macht das jetzt seit fast zwanzig Jahren, und ich muss sagen, eben weil sie eine Frau ist – und ich halte viel von Frauen – macht sie es besonders gut. Sie macht es mit sehr viel Taktgefühl, sie macht es auch mit Raffinesse, die ja unter Umständen bei einer Intendantin auch sehr oft sein muss, und mit sehr viel Klugheit und politischer, menschlicher Weitsicht. Außerdem gibt es einen Zug bei ihr, den ich besonders schätze: Sie hat Witz und Humor. Wenn man morgens ins Theater kommt und vielleicht schlecht geschlafen hat oder sonst nicht bei besonders guter Laune ist, braucht man nur in ihr Büro zu gehen. Sie ist übrigens völlig unkonventionell als Intendantin. Ihre Tür steht immer offen, wenn nicht eben ein besonders wichtiger Gast bei ihr ist. Aber ansonsten hat sie ihre Tür weit offen, und jeder, der in das Vorzimmer von ihr kommt, sieht sie sitzen. Sie winkt ihm zu und sagt: „Komm ’rein. Hast’ was? Bitte, erzähl mir was.“ Oder wenn sie spürt, dass man also etwas deprimiert ist, hat sie sofort einen glänzenden Witz auf Lager und erzählt als erstes am frühen Morgen einen saftigen, mitunter auch recht zweideutigen Witz, und das ist für eine Intendantin durchaus ungewöhnlich. Außerdem ist sie eine große Schauspielerin, und ihre Mutter Courage ist wirklich, glaube ich, bereits eine klassische Darstellung.

ÜBER HANNS EISLER

GISELA MAY: Ich kann immer wieder nur sagen, dass ich Hanns Eisler nicht nur als Komponist, sondern auch als Menschen, als unerhört witzigen, geistreichen Menschen hoch verehre. Die Zusammenarbeit mit ihm war befruchtend und bereichernd für mein ganzes Leben. Er hat mich nicht nur in seiner Eigenschaft als Kompo- nisten bereichert, aber auch durch seine ganze Lebenserfahrung, seine politische Haltung war er entscheidend für mich. Als Lehrmeister betrachtet, muss ich sagen, dass er es glänzend verstanden hat, mir die Haltung in einem Lied zu vermitteln, indem er mir ganz einfach zeigte, wie es gemacht werden sollte. Wenn ich Ihnen sage, dass Hanns Eisler ein ganz kleiner, dicker Mann gewesen ist mit Händen, also mit kleinen, dicken, wuls- tigen Fingern, wobei man überhaupt nicht begreifen konnte, dass er mit diesen Fingern auch nur einigermaßen die Töne auf dem Klavier fand, so war das faszinierend, wie dieser kleine, dicke Mann am Flügel saß und ge- radezu auf die Tasten hämmerte. Seine Hände waren wie Hämmer, die aber genau die Tasten trafen, und er sang mir dann mit einer krächzenden, krähenden Stimme das Lied vor, das ich später einmal singen sollte. Aber entscheidend war die innere Haltung, und ich konnte genau begreifen, was er meinte, und ich konnte, obwohl er es völlig anders interpretierte, genau von ihm abnehmen, wie er es meinte, und das hat riesigen Spaß gemacht.

HCN: Welche Lieder nach Texten von Brecht hat Eisler mit Ihnen einstudiert?

GISELA MAY: „Lied eines Freudenmädchens“, „Die Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ und unter anderem die Songs aus „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“: „Das Lied von der Moldau”, „Und was bekam des Soldaten Weib?“. Das ist ja eine Erzählung. In dem Stück ist es ja eine Warnung an Baloun, den tsche- chischen Fressack, der nur, um etwas zu fressen zu bekommen, sich freiwillig zum deutschen Heer melden will. Sie warnt ihn und sagt: Stell dir vor, die Frau des Nazisoldaten hat aus allen Städten, allen Ländern etwas Neues bekommen, aber als Schlusseffekt: Aus Russland bekam die Frau das Witwenschleier. Und zu diesem Song sagte er: „Du musst es mit großer Vergnügung singen. Du musst praktisch gesehen das Publikum auf die falsche Fährte führen.“ Und das ist mir auch gelungen. Ich stelle oft fest, dass die Gesichter im Saal während der ersten Strophen des Liedes in der Tat voller Schmunzeln sind, und erst während der letzten Strophe fühlen sie sich fast ertappt, weil sie geschmunzelt haben. Denn dann erst stellt sich der Endeffekt heraus. Und das war recht raffiniert, wie der Eisler das Lied aufgebaut hat.

VIER WIEGENLIEDER EINER ARBEITERMUTTER

HCN: Wie sind die Reaktionen des Publikums im westlichen Ausland, z.B. in der Bundesrepublik, wenn Sie ein politisch engagiertes Repertoire vorführen mit z.B. „Vier Wiegenlieder einer Arbeitermutter”?

GISELA MAY: Ich muss sagen, dass besonders die jungen Menschen in der Bundesrepublik glänzend auf die politischen Songs von Brecht und die politischen Texte reagieren. Man spürt, dass es einen echten Bedarf danach gibt, so etwas zu hören, denn gerade auf dem künstlerischen Gebiet hat man ja nicht so viel, woran man sich halten kann, womit man wirklich etwas anfangen kann, denn diese existentialistischen Kunstwerke, die ja letztendlich in einer vollständigen Hoffnungslosigkeit gipfeln, ich weiß nicht, ob man beabsichtigt, das für immer zu behalten. Ich glaube, wenn es darauf ankommt, sucht jeder Mensch etwas, worauf er selber in seinem Leben etwas bauen kann. Und auch der antifaschistische Komplex, den ich in meinem Brecht-Pro- gramm habe, wirkt ganz besonders stark, grade in Westdeutschland auf die jungen Menschen. Man spürt, dass sie diese Abrechnung wünschen, und dass sie mit diesen Dingen endgültig aufhören möchten. Es kommt natürlich auch zu Gegenreaktionen – da sind wir dann wieder bei dem Begriff vielleicht der revolutionären Künstlerin – die man dann eben auch nicht ohne Vergnügen durchmacht. Es ist sehr aufregend, aber man spürt doch an solchen Stellen, dass die Kunst ganz aktiv und kämpferisch sein kann und nicht nur eine unverbindliche Unterhaltungsware, grade wenn es auch zu Gegendemonstrationen kommt. Da Sie jetzt eben die „Wiegenlieder einer Arbeitermutter“ nennen, kann ich Ihnen in diesem Zusammenhang eine kleine Geschichte erzählen, die Hanns Eisler und Helene Weigel ganz entscheidend beleuchtet. Diese Lieder sind durchaus von einem revolu- tionären Inhalt und einer revolutionären Musik betont, und ich als Interpretin war immer dazu verlockt, diese Lieder mit einem mächtigen Klangvolumen und einer enormen Kampfhaltung herauszubrüllen. Und dann sagten Hanns Eisler und die Weigel, die auch diese Lieder ganz großartig gesungen hatten: „Um Gottes Willen, hör mal. Warum schreist du das arme Baby so an? Du musst dir vorstellen, das sind Wiegenlieder. Schau dir mal das kleine Baby in der Wiege an, wie kannst du es denn so anbrüllen?“ Und auf diese Weise stellte ich fest, dass es mein Fehler gewesen war, dass ich eine revolutionäre Haltung an sich gespielt hatte und nicht die kon- krete revolutionäre Haltung in jener konkreten Situation. Und so wie ich sie jetzt interpretiere, hat man auf der einen Seite wohl das revolutionäre Anliegen, die Veränderung der Verhältnisse, aber auf der anderen Seite er- reicht man dadurch auch eine große Freundlichkeit, da es immer eine Mutter ist, die zu ihrem kleinen, zum Teil – in den ersten Liedern ist es ja noch ein ungeborenes Wesen – aber dann zu einem kleinen Wesen spricht. Und das werde ich nie vergessen, wie sowohl der Eisler als auch die Weigel, die ja beide in süddeutschem Dialekt sprechen, mir immer wieder sagten: „De’s a ganz kleines Baby. Denk immer an das ganz kleine Baby.“

Hans Christian Nørregaard

Nachruf in der jungen Welt

Inge Keller (15.12.1923 – 06.02.2017)

Inge Keller, die Grand Dame der Schauspielkunst ist von uns gegangen. Sie war Ehrenmitglied unserer Ernst Busch-Gesellschaft und wir haben ihr sehr viel zu verdanken.

Im Jahr 2010 hatten wir Inge Keller die Schirmherrschaft über unser großes Ernst Busch Fest angetragen und sie hatte nicht gezögert, diese anzunehmen. Sie hatte mit uns um Unterstützung gekämpft und sich mit uns über öffentlich verweigerte Hilfe empört.

Über Busch sagte sie: „Wenn ich an Ernst Busch denke, gibt es einen Lebensgewinn… Ich habe viel von Busch gelernt. … ich habe gelernt, nicht mitzumimen, sondern mitzudenken….Ich habe auch gelernt, möglichst nicht zu lügen auf der Bühne. Man sollte es jedenfalls versuchen!“

Inge Keller setzte Maßstäbe, trug Verantwortung für die Zeit und forderte sie von anderen ebenso.
Zu ihrem 90. Geburtstag haben wir uns im Kino Babylon mit der öffentlichen Vorführung von Wolfgang Langhoffs Inszenierung „Iphigenie auf Tauris“, aufgezeichnet für das Fernsehen der DDR im Jahre 1969, bei ihr bedankt. Unvergesslich Inge Keller in der Rolle der Iphigenie, Wahrhaftigkeit und Großmut fordernd, unvergessen Inge Keller, die Hüterin der Sprache.

 


 

Hans Dieter Schütt im Gespräch mit Inge Keller
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Foto: Ulrich Burchert

In den Großen Saal des Kulturforums Hellersdorf strömen die Besucher. In wenigen Minuten soll hier das Ernst Busch Fest eröffnet werden und sich die besondere Gelegenheit bieten, Inge Keller zum Auftakt dieses Festes zu sehen und zu hören. Schnell sind alle Reihen besetzt, weitere Besucher nehmen die letzten verbliebenen Stehplätze gern in Kauf. Fotoapparate blitzen, als Inge Keller den Saal betritt. Aber Blitzlichtgewitter interessiert sie nicht. Sie hat ein eigenes Anliegen und übergibt uns mit der Bitte um Verlesung einen Solidaritätsaufruf des PEN-Zentrums Deutschland für die von der türkischen Justiz verfolgte Schriftstellerin Pinar Selek. Am Ende dieses Tages werden über hundert Menschen den Aufruf unterzeichnet haben.

Wir hatten Inge Keller die Schirmherrschaft über unser Festival angetragen und sie hatte nicht gezögert, diese anzunehmen. Sie hatte mit uns um Unterstützung gekämpft und sich mit uns über öffentlich verweigerte Hilfe empört. Inge Keller setzt Maßstäbe. Auf die Feststellung des Journalisten Hans Dieter-Schütt, dass der Schauspieler nicht die Welt verändern könne, erwidert sie: „Natürlich nicht. Jedoch Einmischung tut not, auch im real existierenden Kapitalismus.“Für sie, eine ‚Höhere Tochter‘ aus bürgerlichem Hause, wurden sowohl die bitteren Erfahrungen des Krieges als auch die Begegnung mit Persönlichkeiten wie Wolfgang Heinz, Ernst Busch oder Wolfgang Langhoff prägend für ihren Lebensweg. Inge Keller kennt kein gespaltenes Leben: ‚Hier spielen‘ und ‚Dort denken‘. Sie hat a l l e s aufs Spiel gesetzt, wie der Titel des gleichnamigen Buches von Hans-Dieter Schütt doppeldeutig verrät.

Foto: Ulrich Burchert
Foto: Ulrich Burchert

Die Zusammenarbeit mit Ernst Busch gehört zu ihren einschneidenden Lebenserfahrungen. Sie sagt: „Ich habe viel von ihm gelernt. Ich habe auch gelernt, möglichst nicht zu lügen auf der Bühne. Man sollte es jedenfalls versuchen!“ Als ich einige Wochen nach unserem Fest mit Inge Keller zusammentreffe, scheint es, als ob sie mit dem Thema Wahrheit nicht fertig ist, nicht fertig werden kann. Sie liest mir Franz Fühmann vor. Er schrieb 1977 in einem offenen Brief an den damaligen Kulturminister Klaus Höpke: ‚Weder ein Einzelner, noch ein Berufsstand, noch irgendeine soziale Organisation oder politische Gruppierung ist im alleinigen Besitz der Wahrheit‘. Und sie schließt an: „Verantwortung des Schauspielers vor der Gesellschaft! Und wie ist das mit der Wahrheit? In meinem hohen Alter frage ich: gibt es das überhaupt – d i e W a h r h e i t?“

In ihrer Lesung führt sie aus: „Mitunter werde ich gefragt, wie mir das Alter gelänge. Nicht so einfach! Ein kluger Mann hat mal gesagt, das Alter ist nichts für Feiglinge. Es geht alles so schnell, das Leben rast. Eben sagte Barlog noch ‚Lasst mir die Kleene in Ruhe!‘ und nun bin ich schon die Alte.

Foto: Ulrich Burchert
Foto: Ulrich Burchert

Ja, ich möchte mein Gesicht behalten. Also: liften? Nein! Nicht! Aber nicht so einfach. Ich habe immer geglaubt, wenn ich alt bin, dann weiß ich, wie‘s läuft. Denkst’e! Es wird immer schwerer. Ich weiß, was ich kann, aber ich weiß, was ich n i c h t kann. Beides mürbt. Das eine sollte nicht Routine werden, das andere sollte nicht unsicher machen.“„Ja“, sagt Inge Keller, „ich möchte nach wie vor deutsche Sprache vermitteln, in Untergangszeiten deutscher Sprache. Die deutsche Sprache blubbert ab. Die Amerikanisierung im öffentlichen sowie im privaten Leben der Menschen nimmt, so meine ich, bedrohliche Ausmaße an.

Für mich ist Sprache eine Droge, eine Geisel, der ewig hohe Berg: Arbeit, Arbeit, hinauf, hinauf! Der Genuss eines Kommas, die Überraschung eines Doppelpunktes, das Atemholen eines Gedankenstrichs… Man sollte als Schauspieler nicht klüger sein als das Komma oder der Doppelpunkt oder ein Gedankenstrich.“

Inge Keller resümiert:
„Ja sagen zum Leben, immer wieder, trotz alledem. Und nicht versäumen, Nein zu sagen. Gelassenheit üben, ohne dass der Zorn einschläft. Ich bin dankbar für mein Leben. Ich hatte Glück. ‚Ohne Glück geht nichts‘, sagt Brecht und es ist so. Mein Reichtum: noch immer werde ich gebraucht. Mein Reichtum: meine Tochter, meine Familie, meine Freunde, mein Publikum.“

Ihre Lesung beendet sie mit den Worten: „Ich lebe in einer Welt, die keinen Traum zulässt, ohne nicht auch Alpträume zu haben. Ja, trotz alledem. ‚Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein‘, sagt Ingeborg Bachmann“

Über Inge Keller möchte man viel und immer wieder schreiben. Man erlebt sie und ist gefangen von ihrem Gestus, ihrer Ausstrahlung, der Klarheit ihrer Sprache. Das Publikum dankt ihr mit stehenden Ovationen. Sie aber formuliert ihre Zuwendung sehr einfach und persönlich: „Ich bin mit meinen Wünschen, mit meinem Herzen bei Euch, der Truppe von Ernst Busch!“

Wir danken Inge Keller für ihre Unterstützung, da sie uns ihren Namen für die Ernst Busch Tage zur Verfügung gestellt hat. Wir danken für ihren Zuspruch.

Wir danken dem Autor Hans-Dieter Schütt für sein Gespräch mit Inge Keller zu den Ernst Busch Tagen 2010.

(Hans-Dieter Schütt, “Inge Keller. Alles aufs SPIEL gesetzt“, erschien 2007 im Verlag Das Neue Berlin, ISBN 978-3-360-01299-9.)